Die Perspektive aus einer anderen Perspektive gesehen

verlorene_5_8_kleinEs ist vollbracht. Eigentlich bin ich das, was man einen routinierten Schreiber nennt. Zu alt, um Aufgaben zu unterschätzen, immer noch jung genug, sie mit der Naivität des juvenilen Kraftprotzes anzugehen. Kriegen wir schon hin. Kein Problem. Aber bei »Die Verlorenen des Mondes« war mir doch mulmig zumute. »Aus Gründen«, wie man heutzutage sagt. Aber hallo! Wer schreibt, ohne ein mulmiges Gefühl zu haben, kann auch Briefmarken sammeln. Schreiben ist Abenteuer und bei Abenteuern kann man scheitern.


Der erste Grund: das Genre. »Die Verlorenen des Mondes« ist »Science Fiction Crime«. Gut, das »Crime« sollte ich inzwischen aus dem Effeff beherrschen (aber nicht übermütig werden, Alter!), das »Fiction« versteht sich von selbst, aber das »Science«? Wenngleich die Grenze zwischen Fakten und Fiktion in literarischen Texten immer fließend ist, halten Physik und Technik doch genügend Stolperfallen bereit, die einen kopfüber in die Peinlichkeit stürzen lassen. In Ordnung; das würde ich einigermaßen hinkriegen.
Der Roman spielt in Deutschland. Und hier eröffnete sich ein weiteres Problem. Denn dieses Deutschland liegt in Nordafrika. Warum? Es wird im Roman erwähnt, doch bleibt das gesamte Thema eher im Hintergrund, wird als gegeben akzeptiert. Es ist sozusagen die Bühne, auf der die Handlung gespielt wird, die, wenn mal so will, gegenwartskritische Ebene, über die sich der Leser so seine Gedanken machen kann. Er erhält genügend Informationen, aber niemals zu viel. Nebenbei sei erwähnt, dass der Zeitpunkt der Handlung im Dunkeln bleibt. Kein »Im Jahr 2297 ereignete sich …«. Der Roman spielt irgendwann in der nahen Zukunft, wobei »nah« immer relativ ist. Es gibt technische Fortschritte, aber nicht zu viele, die Menschen sind immer noch die Menschen, obwohl sie sich verändert haben.
Doch kommen wir zum Hauptproblem, dem Punkt, der für mein laues Magengefühl verantwortlich war. Die Erzählperspektive. Sie sollte stets das Erste sein, worüber man sich Gedanken macht, bevor man zu schreiben beginnt. Was verlangt die Handlung – und was kann man dem Leser zumuten? Die Ich-Perspektive fiel von vornherein aus einem simplen Grund aus: Im Roman gibt es zwanzig Personen, aus deren Sicht jeweils etwas erzählt werden soll. Und zwanzig Mal »ich«? Das will man dem gutwilligsten Leser nicht zumuten. Also dritte Person Singular. Hm.
Dieses »Hm« wurde ein ziemlich großes »Hm«.  Nun haben wir alle gelernt, dass es hier zwei Grundmöglichkeiten gibt: den »allwissenden«, auktorialen Erzähler und den reinen Beobachter. Der auktoriale Erzähler sitzt auch im Kopf der Erzählfigur, er ist also ein verkapptes »Ich«. Zwischen den beiden Grenzmarkierungen gibt es zahlreiche Variationsmöglichkeiten, aber mit einer arbeite ich in den letzten Jahren am liebsten: der Verbindung beider Extreme. Aus dieser Perspektive wird sowohl nüchtern beobachtet als auch gedacht, Beschreiber und Beschriebener, Autor und Figur, verschmelzen zu einer fragilen Einheit. Ich gebe mal ein Beispiel aus dem  Buch:

Edda Korn, genannt die Walküre, mit ihren sechsundzwanzig Jahren das Nesthäkchen der Crew, ein Wunderkind der Astrophysik, neben Achmed Damundi der einzige Mensch außerhalb des Erdorbits, der annähernd begreift, was es mit den Gravitonen auf sich hat. Sie wartet, bis Achmed die Schleuse passiert und neben ihr beginnt, sich aus dem Anzug zu schälen, verfolgt jede seiner Bewegungen mit jener Emotion, die etwas mit Liebe zu tun haben dürfte. Jedenfalls geht sie davon aus. Jedenfalls hofft sie, dass Achmed davon ausgeht.
Der, wieder in seiner Indoor-Kleidung, nimmt zärtlich Eddas Hand und lächelt. Fünfunddreißig Jahre alt, als Moslem Angehöriger einer verschwindend kleinen Minderheit, in der Nähe von Algier geboren, deutscher Staatsbürger.

Schauen wir hier, wie sich der perspektivische Fokus in dieser Passage verändert, vom allwissenden Autor zum denkenden / wertenden Subjekt und wieder zurück schwankt.

Die Passage beginnt neutral reportierend, die Erzählstimme nähert sich von außen, kommt näher, setzt sich bei »mit jener Emotion, die etwas mit Liebe zu tun haben dürfte« in den Kopf Edda Korns, tritt mit der Beschreibung Achmeds wieder heraus, entfernt sich. Der Roman ist in drei Großkapitel unterteilt, diese wiederum in kleinere, die jeweils die Ereignisse eines Tages berichten, und diese schließlich in Unterkapitel von durchschnittlich drei bis Seiten. In den Unterkapiteln, die an den drei räumlich voneinander getrennten Orten (Erde, Raumschiff, Mond) spielen, treffen sich oft nur zwei Personen. Der Fokus liegt dabei jeweils auf einer, doch kann es geschehen, dass er kurz auf die andere Figur übergeht, wenn es dramaturgisch notwendig wird.
Das klingt in der Theorie komplizierter, als es in Wirklichkeit ist. Nur einmal, ganz am Ende, kommt es zu einer Art Übergang von »Ich« zu »Ich«. Warum dies sein muss, erklärt sich aus der Handlung, es ist in dieser Form unabdingbar, bleibt aber auf wenige Zeilen beschränkt.
Die Wahl der Perspektive hat hier mehrere Funktionen. Sie muss den Anforderungen des Settings (viele Personen, die vorgestellt werden wollen) gerecht werden, die Handlung vorantreiben und die jeweilige psychologische Situation spiegeln. Doch ganz gleich, welche Perspektive man wählt: Der Leser muss sie nachvollziehen können. Der notwendige rasche Perspektivwechsel (von Unterkapitel zu Unterkapitel, insgesamt über hundert Mal!) ist dabei an sich nicht das Problem. Das kennt der Leser aus Filmen. Dort allerdings SIEHT er sofort, wer spricht und agiert. Als Autor muss ich ihm das ebenso deutlich machen, mit meinen eigenen Mitteln eben.
Im speziellen Fall von »Die Verlorenen des Mondes« kommt noch etwas hinzu. An zwei der drei Handlungsorte geschehen Verbrechen. Zwei »Krimis« entwickeln sich, wovon einer eher Thrillerelemente aufweist, der andere in der bewährten Agatha-Christie-Manier der »Zehn kleinen Negerlein« komponiert wurde. Das heißt: Ich muss mich mit zwei Spannungsbögen auseinandersetzen, zweimal versuchen, die entsprechende Dramaturgie durch die Wahl der Perspektive zu unterstützen. Durch meine Methode verfüge ich über ein ideales Werkzeug, dass der Leser einige Details eher kennt als die Personen selbst, aber niemals genug, um die Spannung durch Wissen abzutöten. Er kann selbst kombinieren und ist in der Lage, den »Bösewicht« vor der eigentlichen Auflösung herauszufinden. Gut, das hätte man auch mit einer anderen Perspektivwahl bewerkstelligen können, aber die der sowohl objektiven als auch subjektiven Erzählinstanz bietet wunderbare Spielmöglichkeiten.
Fazit: Welche Erzählperspektive ich wähle, ist nicht nur eine stilistische Frage. Sie hängt vom Setting ab, ist mit dem Fortgang der Handlung in einer Art Rückkopplungseffekt verbunden und reflektiert die psychologische Situation. Vor allem jedoch ist sie die Kamera, durch die der Leser sich durch die Geschichte bewegt. Eine trübe Linse – und der Text ist gescheitert.
Gute Nachricht und Werbung in eigener Sache: Sie können ab sofort selbst beurteilen, ob »Die Verlorenen des Mondes« gescheitert ist oder nicht. Als eBook oder Print.

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Ein Kommentar

  1. Dieses „Hm“ gefällt mir (oder eben auch nicht). Ich habe ähnliche Bedenken, da ich in meinen bisherigen Büchern (gut, es sind erst 2) ähnlich viele Perspektivwechsel habe. Leider auch aus anfänglicher Unwissenheit zu viele Lokationen. Ich bin zwar nicht unbedingt die Zielgruppe von Science Fiction Crime, aber ich werde mir mal zu Gemüte führen, wie du das gelöst hast.

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