Was ist eigentlich stilistische Stringenz?

Wieder so ein Fachbegriff. Dabei besagt er nicht mehr und nicht weniger, dass der Stil eines literarischen Werkes eine bestimmte Atmosphäre, einen »Sound« vermitteln soll – und zwar nicht durch Handlung, sondern ergänzend zu ihr, als eine Art Kommentar zu dem, was  beschrieben wird. Oder um in eine benachbarte Kunst auszuweichen: Der Stil ist die Hintergrundmusik in einem Film. Ihr Einsatz verstärkt eine Wirkung, sie deutt etwas an, das gleich kommen wird (man denke nur an die bedrohlichen Geigen, wenn sich der Held durch einen dunklen Wald bewegt) oder lullt uns ein, um uns im nächsten Moment durch einen schrillen Ton aus der Schläfrigkeit zu reißen). Doch bevor wir ein wenig in Theorie baden wollen, hier ein Beispiel aus der Praxis.

»Wie geht es mir heute, DING?«
Er hebt die rechte Hand, spreizt die Finger, fühlt ein Kribbeln, hört ein Summen.
Die Stimme des Diagnosis Integument Neurological Generator, blechern, gelangweilt, desinteressiert.

Wer auch immer uns hier in den Roman hineinführt, sein Stil ist sachlich-analytisch, er beobachtet und zählt auf, was geschieht und was er hört. Der letzte Satz ist nicht einmal vollständig (was einige monieren werden; aber hallo, Literatur ist keine Deutschstunde). Doch machen wir uns den Spaß und schreiben die Passage um.

»Wie geht es mir heute, DING?«
Er hebt die rechte Hand und spreizt die Finger. Auf seiner Haut fühlt er ein Kribbeln, ein leises Summen ertönt.
Mit blecherner Stimme beginnt der Diagnosis Integument Neurological Generator zu sprechen, er hört sich gelangweilt und desinteressiert an.

Rein inhaltlich hat sich hier nichts geändert. Der Erzähler beschreibt, doch der Text ist »langsamer« geworden, nicht unbedingt ausschweifend, aber nicht mehr so »kühl«.

Und eine dritte Version.

»Wie geht es mir heute, DING?«, fragt er den Diagnosis Integument Neurological Generator. Um ihn zu aktivieren, hebt er die rechte Hand, deren Finger er spreizt. Plötzlich spürt er ein unangenehmes Kribbeln auf seiner Haut, gleichzeitig hört er ein leises Summen, das nur von der Maschine kommen kann. Diese antwortet nun. Ihre Stimme klingt blechern, so als sei sie gelangweilt und nicht daran interessiert, wie es dem Mann geht.

Hier befinden wir uns endlich in jenem Erzählstil, den wir am ehesten mit »chronologisch-informativ« assoziieren. Es ließe sich ausbauen. Wir könnten etwa dieses neutrale »Er« spezifieren und mitteilen, der Mann heiße Benjamin Perlauer, Commander eines Generationenraumes, und seine Frage sei »neugierig«. Nach und nach gelangen wir so in die klassische Erzählsituation, der Rhythmus wird langsamer, der Ton voller, weil wir immer mehr Informationen hineinpacken, es gleicht einem Orchester, während die erste Variante dem Zupfen auf einer Gitarre ähnelt, nur das Notwendigste, kein Beiwerk. Es sei lediglich am Rand erwähnt, dass man diesen Text noch in vielen anderen Varianten formulieren könnte. Und jedes Mal würde sich der »Sound« verändern. Eine stakkatohafte Akzentuierung (»Er hebt die rechte Hand. Spreizt die Finger. Spürt ein Kribbeln. Hört ein Summen.«), der Text könnte in einem einzigen langen Satz dahinmäandern wie ein majestätischer Fluss (»Wie geht es mir heute, DING?«, fragt er den Diagnosis Integument Neurological Generator, den er mit erhobener rechter Hand aktiviert, die Finger gespreizt, wobei er sofort … etc.). Immer ändert sich dabei der Sound. Unsere Möglichkeiten sind vielfältig, wir können mit der Erzählperspektive arbeiten (vom »Ich« bis zum analytisch-distanzierten Autor), die Satzlänge nutzen, die Adjektivdichte ebenso wie die Informationsdichte und ihre Tiefe (»Er spürte ein unangenehmes Kribbeln, es erinnerte ihn an etwas, an das er lieber nicht erinnert werden wollte …«), die psychologische Situation in der Syntax widerspiegeln (»Keine Ahnung, warum er das wissen will. Irgendetwas … nein, nicht drüber nachdenken.«), die Geschwindigkeit manipulieren (von der nüchternen Aufzählung bis zum genüsslichen Ausmalen der Situation).
Jede die Varianten ist zunächst wertneutral, die eine weder schlechter noch besser als die andere. Entscheidend ist die Intention des Autors, denn er allein bestimmt den »Sound« seines Textes, den Stil, in dem er uns die Geschichte näherbringt.
Doch was ist nun »Stringenz«? Stringent bedeutet schlüssig, nicht »einheitlich«. Die ersten Sätze, mit dem wir einen Roman beginnen, eignen sich sehr gut dafür, eine Art »Grundmotiv« einzuführen, in unserem Beispiel etwa sollte klar werden, dass der Text immer auf der Basis des Analytisch-Sachlichen funktioniert. Aber eben nicht nur. Sobald es die Handlung erfordert, kann aus dem mageren Sound ein »fetter« werden, ein schneller Text deutlich an Geschwindigkeit verlieren. Hier wird Literatur zum abwechslungsreichen Musikstück, die einzelnen Techniken sind jedoch nie die reine Demonstration von handwerklichem Können. Natürlich kann man einen einmal gewählten Sound beibehalten – wenn es die Handlung legitimiert. Die leider allzu oft vertretene Auffassung, ein Text brauche einen »einheitlichen Stil«, gebiert am Ende meist nur Langeweile und Beliebigkeit. Das ist eben NICHT stringent.
Als Lektor geht es mir immer darum, die Schlüssigkeit stilistischer Variabilität herauszufinden oder dort, wo sie eigentlich greifen müsste, es aber nicht tut, sie herauszukitzeln. Das ist stets eine Gratwanderung, so wie es eine ist, einen Leser, der sich ein paar Seiten lang an das Analytische gewöhnt hat, plötzlich mit etwas anderem zu überfallen. Aber es muss manchmal sein. Und so kommt es, dass sich ein paar Seiten weiter der Stil bereits gewandelt hat, ohne seine Bezug zur Grundmelodie verloren zu haben.

»NEMESIS«, sagt Perlauer, jede der drei Silben wird ein Wort für sich. Göttin der Rache. In der Behörde für die Benennung von Asteroiden muss ein ebenso fantasieloser wie ironischer Mensch sitzen. Er sieht der Ingenieurin nach, sie geht wirklich etwas schwerfällig, und als sie verschwunden ist, denkt Benjamin Perlauer an ein Schnitzel aus echtem Fleisch, fachgerecht paniert, und er weiß, dass er nie mehr eines essen wird. Aber gut. Das dürfte nicht das Schlimmste am Sterben sein.

Und das Schlimmste an der Literatur dürfte es nicht sein, mit allen Instrumenten und Möglichkeiten der Sprache zu spielen. Hauptsache: stringent.

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Ein Kommentar

  1. Elke Klein

    Hat dies auf Between the Covers rebloggt.

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