Was ist eigentlich – Achtung, Schimpfwort! – Unterhaltung?

Seit nunmehr einem halben Menschenleben beschäftige ich mich mit Literatur, praktisch und theoretisch. Ich habs sogar studiert und kenne die Begrifflichkeiten. Aber eine Sache lässt mich nach wie vor ratlos zurück. Die Sache mit der Unterhaltungsliteratur …
Eines immerhin weiß ich: Auf der Skala der literarischen Wertigkeit steht »Unterhaltung« ziemlich weit unten. Und noch etwas weiß ich: Auf der Skala der Beliebtheit steht »Unterhaltung« unangefochten ganz oben. Seltsam, oder? Welche Schlüsse ziehen wir daraus? Man darf es sich aussuchen. Entweder sind die Kritiker weltfremd oder die Leser sind dumm. Beide Varianten befriedigen nicht wirklich.


Beginnen wir mit dem Versuch einer Begriffsbestimmung. Was ist eigentlich »Unterhaltung«? Wer sich unterhalten möchte, sucht eine Alternative zu seinem alltäglichen Allerlei, zur Arbeit, zum gewöhnlichen Trott, zu den Problemen des Lebens. Er möchte genießen und sich nicht geistig anstrengen, jedenfalls nicht auf die Art, wie man sich zum Beispiel in der Schule oder am Arbeitsplatz anstrengen muss. Positiv ausgedrückt: Unterhaltung bietet uns ein Refugium, an dem wir uns erholen und wieder fit für das »richtige Leben« machen können. Negativ ausgedrückt: Unterhaltung ist die Fluchtburg, die uns vor den Fährnissen unseres Lebens schützt, indem es sie ausblendet. Wir gehen aus dem Vorgang des Unterhaltenwerdens also entweder gestärkt hervor – oder geschwächt.
Was empfinden wir nun aber als »unterhaltend«? Einfach gesagt: Etwas, das nicht langweilig ist. Die Zeit vergeht scheinbar schneller, vor allem vergeht sie angenehmer. Die guten Dinge müssen nicht mühsam erarbeitet werden, sie kommen zu einem geflossen. Um diese Stromlinienförmigkeit zu gewährleisten, bedient sich Unterhaltungsliteratur bekannter Muster, der Leser hat sie längst verinnerlicht und fügt die einzelnen Bestandteile in ihm vertraute Hohlformen. Dies wiederum bedingt, dass Unterhaltungsliteratur möglichst affirmativ sein sollte. Sie bestätigt Dinge, die ich eh schon weiß. Sollte sie einmal kontrovers werden, dann kann man sich darauf verlassen, dass sie am Ende doch wieder alles ins Wohlvertraute wendet. Unterhaltungsliteratur ist also »Nickliteratur«. Sie arbeitet mit dem Mittel der Identifikation, als Leser nehme ich quasi die Stelle des Protagonisten ein, was wiederum bedingt, dass er mir sympathisch ist.
So weit, so gut. Jetzt aber kommt der Punkt, an dem ich das alles mit »Unterhaltungsliteratur« nicht mehr verstehe. Klar, sie soll nicht langweilen. Eigentlich sollte keine Literatur langweilen. Aber mich langweilen zum Beispiel immerwiederkehrende Muster in Texten. Ich bin auch nicht auf Weltflucht aus, nicht auf affirmatives Abnicken, schon gar nicht auf Hirnausschalten. Dennoch möchte ich mich mit Büchern unterhalten, jetzt im Wortsinne. Ich trete mit ihnen in einen Dialog, ich verlange ihnen alles ab und sie verlangen mir alles ab. Im Idealfall. Das war schon so, als ich Kind war. Damals besaß ich eine vollständige Ausgabe von James Fenimore Coopers »Lederstrumpf«, die mit einer ausführlichen Landschaftsbeschreibung beginnt, im Gegensatz zur sogenannten »Jugendausgabe«, die man besser als »Kastratenausgabe« bezeichnen sollte, weil alles, was »irgendwie langweilig« schien, getilgt war. Ebenso erging es Swifts »Gullivers Reisen«, Defoes »Robinson« oder Stevensons »Schatzinsel«. Sie wurden quasi auf das reduziert, was man in gewissen Kreisen auch heute noch als »Unterhaltungsliteratur« schätzt, handlungsschwangere Abenteuer, die man wie einen flüchtigen Kopffilm konsumiert. Ach ja, auch so ein Schlüsselwort für Unterhaltungsliteratur. Konsumieren. Kaufen, weglesen, vergessen.
Später las ich dann unter anderem Vladimir Nobokovs »Die Gabe« oder, noch schlimmer, den »Ulysses« von James Joyce. Und wisst ihr was? Ich habe mich prächtig dabei unterhalten. Und es gab »Hochliteratur«, etwa alles von Hermann Hesse, das mich über alle Maßen langweilte, unter anderem deshalb, weil dort alles vertreten war, was man in der Literaturkritik abfällig als »Unterhaltung« und »Schund« und »Kitsch« bezeichnet.
Nur … warum tat es die Literaturkritik eigentlich nicht? Warum nennt sie Hesse einen »LIteraten«, obwohl er bis zum Erbrechen kitscht, und rümpft die Nase über einen Heftchenautor, der sprachlich ordentlich und plotmäßig solide die Leser gut unterhält?
Spätestens an dieser Stelle schwor ich mir, Literatur nicht mehr vertikal (oben steht »Hochliteratur«, ganz unten »Unterhaltungsliteratur« und ganz, ganz unten »Schundliteratur«), sondern nur von horizontal zu bewerten. Da steht Goethe neben Jane Austen, Charles Dickens neben Alfred Döblin, Brecht neben … was hab ich gestern Abend gelesen? … Cliff Allister. Alles Bücher, die mich nicht gelangweilt haben, sondern gut unterhalten. Irgendwie. Und irgendwie bin ich auch froh, das mit der »Unterhaltungsliteratur« bis heute nicht verstanden zu haben.

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