Roman-Arbeitstagebuch, erster Eintrag. Die Exposition der Exposition

Wenn man mich fragt, wie ich einen längeren Text organisiere und »plotte«, dann pflege ich zu antworten: sukzessive-assoziativ. Klingt doch gut, oder? Ich könnte auch sagen: überhaupt nicht. In meinem Kopf gibt es eine Grundidee, die lasse ich dort erst einmal stehen und warte ab, welche weiteren Ideen sie aus der kreativen Abteilung meines Hirns herauszieht, wenn überhaupt: Denn eine Grundidee, die nicht magnetisch ist, kann keine gute Idee sein.

Mit etwas Glück tummelt sich also nach einigen Monaten dort oben in diesem labyrinthischen – man könnte auch sagen: chaotischen – Zimmerchen eine Art Sonnensystem. Die Grundidee als leuchtender Stern, der Magnetismus hat sich inzwischen zur Gravitation gemausert, die von ihm angezogenen Ideen sind die Planeten, manche aus Fels, das heißt verdichtetem Staub, manche aus Gas, darum kreisend jeweils etliche Trabanten von unterschiedlichster Größe, dazwischen Gedankenasteroiden, Gedankenmeteoriten, manche mit dekorativem Schweif, manche ohne, manche in der habitablen Zone, das heißt: organisches Leben ist hier möglich, vielleicht sogar intelligentes. Das also ist der Anfang. Das aber ist noch lange kein Roman. Ach ja, bevor ich es vergesse: Ich habe längst angefangen zu schreiben, ein Plot ist weit und breit nicht in Sicht, der wird schon kommen.
Zunächst kommt es noch schlimmer. Als Freund des klassischen Dramas halte ich es mit den Altvorderen. Ob Theaterstück oder Roman, es sollte mit einer Exposition beginnen. Wir wissen alle, was damit gemeint ist. Erzähle deinen Lesern, um was es geht, wer mitspielt und welche Verwicklungen zu erwarten sind. Oder Kurzfassung: Informiere sie, damit sie nicht schon auf Seite 20 dumm sterben, also das Buch ächzend zur Seite legen, weil sie keine Ahnung haben, um was es überhaupt geht. Die meisten gescheiterten Romane sind gescheiterte Anfänge. Entweder stopfen die Autoren zu viel in die Exposition, man nennt es »Infodump«, oder zu wenig oder das Falsche mit den falschen Mitteln. Normalerweise ist das nicht mein Problem. Ich schreibe bevorzugt Kriminalromane, da sind mir die Strategien, mein Publikum zu packen, inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen. Aber diesmal ist es anders. Ich schreibe Science Fiction. Das heißt: Ich schreibe dystopische Science Fiction. Das heißt: Ich schreibe einen dystopischen Science-Fiction-Thriller auf der Basis eines Whodunit. Wissen Sie, was das bedeutet? Mein Kopf steckt voller Informationen. Bevor ich mich entscheide, welche davon ich wie und in welcher Ausführlichkeit und in welchem Kontext via Exposition auf die verehrte Leserschaft herabregnen lasse, muss ich dringend mein Hirnwirrwarr ordnen, also quasi eine Exposition der Exposition vornehmen. Und natürlich schreibe ich derweil munter weiter. Ich kann nicht anders. Mein Kopf lenkt meine Schreibhand und meine Schreibhand lenkt meinen Kopf. Okay, ich sollte irgendwann mal zum Arzt gehen.
Aber gemach, erst die Arbeit, dann die Therapie. Wie bereits angedeutet, bewege ich mich in verschiedenen Genres. Mein Roman spielt in der Zukunft (ich gebe allerdings keine Jahreszahl an), die Welt hat sich grundlegend verändert. Das sollte der Leser wissen, aber eigentlich ist das nur die Kulisse. Das ist wie Cornwall in diesen schrecklichen Rosamunde-Pilcher-Filmen. Es ist DA und es ist schön oder unschön, majestätisch oder kitschig, es ist halt Landschaft, aber kein Mensch käme auf die Idee, man müsse dem verehrten Publikum das geologische Zustandekommen der imposanten Felsformationen erklären. Was ebenfalls nicht fehlen darf: Musik. Alles hat seine Musik. Die Protagonisten küssen sich und die Geigen schmalzen süßlich, die Protagonisten streiten sich und die Geigen kreischen zornig, ein böser Mensch intrigiert und die Blechbläser pusten wahlweise empört oder unheilschwanger. Genauso halte ich es mit der gesellschaftlichen Komponente meines Romans. Wenn er sich ergibt, baue ich sie als Kulisse hinter der Handlung auf oder verwandle ihre Atmosphäre in Signaltöne. Wie ich das genau mache? Mal sehen. Ergibt sich beim Schreiben. Wichtig ist nur, dass ich mir vornehme, es auch so umzusetzen.
Sehr heikel wird es bei den Informationen, die man von einem Science-Fiction-Roman erwartet. Physikalische Kenntnisse, Ingenieurswissen – habe ich nicht. Man konnte mir schon immer ein Atom für ein Neutron verkaufen, die Zentrifugalkräfte für die Gravitationskräfte und einen Ionen-Raketenantrieb für eine mit Heizöl laufende Weltraumstation mit siebenfacher Warp-Geschwindigkeit. Das muss ich ändern, bevor ich anfange zu schreiben. Da ich aber bereits schreibe, muss ich mir im Klaren sein, dass ich den Sumpf des Eindeutigen meiden werde. Welche Dinge muss ich unbedingt wissen, weil der Leser sie unbedingt wissen muss? Gravitation. Die allgemeine Relativitätstheorie, Gravitationswellen, die hypothetische Existenz von Gravitationsteilchen, den Gravitons. Das Dumme: Darüber weiß niemand etwas Genaues, das habe ich längst herausgefunden, denn natürlich bin ich seit Wochen dabei, mir ein Grundwissen zu erarbeiten. Wie schafft man künstliche Schwerkraft in Raumfahrzeugen und in Mondbasen? Weiß ich inzwischen. Ist aber technisch kaum umzusetzen. Also machen wir es anders und verknüpfen es mit einem Mysterium. Ein gläserner Quader, in dem sich zwei Gravitions bewegen, aber niemand sieht sie, niemand weiß, was sie dort so treiben, aber es wirkt. Wunderbar. Denn erinnern Sie sich: Das Ganze soll auch ein Thriller werden und da kann ein Mysterium mehr nicht schaden. Mal sehen, was ich daraus mache.
Wir sind noch immer in der Exposition der Exposition. Der Roman spielt an drei Schauplätzen, wie sie unterschiedlicher gar nicht sein können: auf der Erde, an Bord eines gigantischen Raumschiffs, das im Erdorbit verharrt (Ja, ich weiß inzwischen, was ein geostationärer Punkt ist), auf dem Mond. Überall dort agieren meine Protagonisten: zwei auf der Erde, zwei im Schiff – und zwölf auf dem Mond. Das ist verdammt viel, das braucht eine Menge Exposition, insgesamt zirka 150 Seiten, bis der Leser alle Personen kennengelernt hat, den Handlungskern zudem und die Ansätze der Verwicklungen, die ihn nach der Exposition erwarten. Es muss mir gelingen, die psychischen Mechanismen herauszuarbeiten, genau so, wie ich sie mir in der Grundidee vorgenommen habe. Tata! Da wäre sie nämlich. Die Grundidee: Wie verhalten sich Menschen die auf engsten Raum festsitzen und ihrem sicheren Tod entgegensehen? Und weil ich es mir immer möglichst schwermache: Wie verhalten sich SECHZEHN Menschen an DREI völlig verschiedenen Orten, wenn sie ihrem sicheren Tod entgegensehen und vielleicht, vielleicht, irgendwo da draußen in der Oortschen Wolke etwas Außerirdisches sitzt und einen fiesen Plan hat? Was die Oortsche Wolke ist, googeln Sie bitte selbst, ich musste es auch tun.
Eines steht von vornherein fest: So etwas löst man nur durch ständigen Szenenwechsel und knappen, präzisen, lakonischen Stil. Wenn du mehr als drei, vier Sätze brauchst, um jede dieser sechzehn Personen zu exponieren, hast du schon verloren und bist ein Schwafler, der seine Leser auf geschätzten tausend Seiten in einen intellektuellen Dämmerzustand versetzt. Also stell die Leute kurz vor und lass sie miteinander reden. Auf den 150 Seiten Exposition bevorzugt in Zweiergruppen, also Dialoge. Lass sie denken und gewöhn dir das SHOW DON’T TELL ab, es ist hier völlig unangebracht, ganz egal, was in diesen seltsamen Schreibratgebern steht. Wenn es um psychische Prozesse geht, wird halt viel gedacht, behauptet, manches bewusst, manches unbewusst, das TELL ist also das SHOW, ist doch schön so.
Das ist der Punkt, den ich inzwischen erreicht habe. Ich weiß, welche Informationen ich wie an meine Leser übermittle, damit sie meinen Roman wie einen Raum betreten können. Denn das ist natürlich das Allerwichtigste: Romane sind Räume, keine Flächen, auf denen Autoren irgendwelche »Infos« niedergeschrieben haben. So beginnt es. Mit Informationen. Die sich allmählich ineinander verschränken. Die sich verformen, die dreidimensional werden, vielschichtig, unterschiedliche Wertigkeiten erhalten, in den Vordergrund oder den Hintergrund rücken, die schreien oder flüstern, ganz so, wie sie es in einem Raum tun sollen. Die Exposition der Exposition bestimmt diese Spielregeln und die eigentliche Exposition erschafft den Raum.
Inzwischen bin ich auf Seite 32, aber das soll man nicht zu ernst nehmen. Räume haben keine Seiten, also keine Buchseiten. Während ich schreibe, denke ich, während ich denke, schreibe ich, vorwärts und rückwärts, ich taumele durch den entstehenden Raum, ich verliere die Orientierung und erarbeite sie mir wieder, ich mache das Licht in meinem Raumzeit-Roman an und knipse es wieder aus, das heißt: Ich füge hier Informationen dazu und nehme dort welche weg. Und ja, zwischendrin plotte ich auch noch.Will sagen: Es plottet von selbst.

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