Zehn endgültige Wahrheiten über das Lektorat

So. Lektorat. Das solltet ihr wissen. Es ist eine Grundlage, von der aus man als Wortschaffender ausgehen kann, um den passenden Lektor zu finden. Oder auch nicht. Alles weitere regele man dann untereinander und verschone uns mit Schauermärchen.

1. Man kann sich nicht selbst lektorieren. Lektorat bedeutet: Eine externe, fachkundige Instanz nimmt sich eines Manuskripts an. Autoren, die ihre Texte »lektorieren«, überarbeiten sie. Das sollten sie auch.
2. Lektoren sind nicht für das Korrektorat zuständig. Man wird beim Lektorat Rechtschreib- und Kommafehler korrigieren, aber das ersetzt nicht den Profi. Lektoren lesen anders als Korrektoren, sie müssen das Große-Ganze im Blick behalten, den Sinn eines Textes.
3. Lektoren müssen selbst keine Autoren sein, schon gar nicht erfolgreiche Autoren. Wenn sie es sind – in Ordnung. Es ist wie im Fußball. Die besten Trainer können die schlechtesten Spieler gewesen sein und die besten Spieler die schlechtesten Trainer.
4. Lektoren müssen nicht Literaturwissenschaft studiert haben. Wer Literaturwissenschaft studiert hat, weiß vielleicht etwas über die Bedeutung des Emblems für die Barockdichtung. Über die Qualitäten eines Textes und wie man sie verbessern kann, weiß er deshalb noch lange nichts.
5. Lektoren suchen nicht nur »Fehler«. Neben offensichtlichen Fehlern beschäftigen sie sich mit Möglichkeiten, einen Text zu verbessern. Sie unterbreiten Vorschläge, die der Autor annehmen kann, aber nicht muss. Ein lektorierter Text ist also nicht „fehlerfrei“. Das gibt es überhaupt nicht, weil in der Literatur nicht zwischen fehlerfreien und fehlerhaften, sondern nur zwischen guten und schlechten Texten unterschieden wird. Und „gut“ und „schlecht“ sind zwei Fässer, die wir hier aus Platzgründen lieber nicht aufmachen wollen.
6. Einen guten Lektor erkennt man daran, dass er die Eigentümlichkeiten eines Textes, vor allem seine stilistische, bewahrt und nur sehr behutsam eingreift. Er macht Vorschläge und begründet sie. Er spricht auch unangenehme Wahrheiten aus. Er betreut den Autor in seinem kreativen Prozess. Er trifft klare Absprachen und hält sich daran.
7. Nirgendwo steht geschrieben, dass ein Text lektoriert sein MUSS. Ist der Autor von der Qualität seiner Arbeit auch so überzeugt, sollte er sie veröffentlichen. Punkt.
8. Texte werden durch ein Lektorat nicht zwangsläufig »besser«. Manchmal werden sie einfach nur »anders«. Und manchmal auch schlechter.
9. Es gibt kein Berufsbild für Lektoren und dementsprechend auch keine festgelegte Ausbildung. Literatur muss man, sieht 4., nicht studiert haben. Selbst schreiben muss man auch nicht. Sich mit den Regeln des Schreibens auskennen, das sollte man. Und wissen, wann man sich daran halten muss und wann besser nicht. Es gibt unzählige Möglichkeiten, sich dieses Wissen anzueignen, eine charakterliche Disposition für den Beruf schadet ebenso wenig wie eine natürliche Begabung. Das Wichtigste: Ein Lektor muss seinen Kunden respektieren.
10. Lektoren sind auch nur Menschen.

NB: Mit »Lektor« ist immer auch die »Lektorin« gemeint.

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4 Kommentare

  1. Amen!

  2. Hab Deinen Beitrag gerade auf FB kommentiert. Dem Amen! von Texte-Jon habe ich nichts hinzuzufügen.

  3. Sehr guter Beitrag, danke. Aus meiner Erfahrung muss ich sagen, dass es auch nützlich ist, wenn der Lektor über die Adressaten eines Textes informiert ist und deren Denken und Vorwissen einschätzen kann. Wenn ich einen Kriegsroman über den Zweiten Weltkrieg schreibe, der Lektor aber nicht weiß wofür die Abkürzung HJ steht, dann kann man an der Qualität des Lektorats durchaus zweifeln.

  4. 10 Punkte, alle richtig! Klar & verständlich!

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