Die schwere Leichtigkeit des Schreibens

Schreiben lernen – kann man das überhaupt? Sind wir Wortmetze tatsächlich auf einer technischen Stufe unserer Arbeit nichts weiter als Metzger und Schreiner, Fliesenleger und Elektriker? Die kurze Antwort: Ja. Was sonst. Auch Autoren brauchen Wissen und Wissen ist das Ergebnis von Lernprozessen, von ständiger Wiederholung einzelner Arbeitsschritte. Hier die nach meiner Erfahrung sechs wichtigsten Stationen.

1. Schreiben ist nicht gleich Schreiben, ein Text nicht ein Text wie jeder andere. Literatur folgt ihren eigenen Gesetzen, sie hat weder etwas mit Schulaufsätzen noch mit der sklavischen Befolgung der Regeln zu tun, wie man sie in der Schule gelernt hat. Was nicht bedeutet, dass man alles vergessen sollte. Im Gegenteil: Man muss Neues lernen, wenn man das Alte überwinden will. Die erste Regel lautet also: Verabschiede dich von der beruhigenden Gewissheit, dass du den größten Teil deiner Schreibkenntnisse bereits erworben hast. Oh nein.
2. Um zu lernen, wie man schreibt, muss man lesen, wie andere schreiben. Das ist eine Gratwanderung, aber sie ist unumgänglich. Vielleicht wird man demotiviert, weil »die« es viel besser können als man selbst, vielleicht neigt man dazu, Vorbilder zu imitieren. Aber das ist ganz normal! Wichtig ist, nach und nach die eigene kreative und intellektuelle Persönlichkeit in das Schreiben zu integrieren. Zu diesem Lesen gehört auch die Analyse. WIE machen es die Könner, dass mich Leser eine Passage so fesselt? WIE machen es die Nichtkönner, dass sie mich kaltlässt? Das Ziel ist es nicht, viele Bücher zu lesen, sondern sie so zu lesen, dass sie zur Grundlage eigener Erkenntnisse werden können.
3. Man sollte nur schreiben, was man wirklich schreiben möchte. Es ist Unsinn, wenn ein Liebhaber von Heftchenromanen die Ambition entwickelt, der nächste Thomas Mann zu werden oder andersrum ein zukünftiger Thomas Mann mal schnell ein Romanheftchen raushauen möchte, um Geld zu verdienen. Dahinter steht der Respekt vor allen Spielarten von Literatur. Wer »hohe« Literatur kann, kann noch lange nicht die triviale. Und umgekehrt. ABER: Manchmal muss Schreiben auch wehtun! Sich auch dort auszuprobieren, wo man augenscheinlich nicht hingehört, kann eine wertvolle Erfahrung sein, nicht nur hinsichtlich der handwerklichen Übung, sondern auch was die Einsicht betrifft, dass JEDE Form von Literatur ein gewisses Talent voraussetzt und deshalb, siehe oben, mit Respekt zu behandeln ist.
4. Das Ziel jeglichen Handwerks ist Reproduzierbarkeit. Die Arbeitsschritte, um zu einem geplanten Ergebnis zu gelangen, müssen in Fleisch und Blut übergegangen sein, sie laufen ab, ohne dass man groß nachzudenken braucht. Das ist bei Tischlern nicht anders als bei Literaten und beide kennen das Geheimnis: Übung. Sie wissen auch, dass aller Anfang schwer ist und vor dem ersten perfekten Resultat vielfaches Scheitern stehen kann. Aber dieses Scheitern ist notwendig, man lernt nämlich daraus. In Zeiten, in denen gleich jeder Schreibanfänger »ein Buch auf den Markt werfen« möchte, kommt es leider aus der Mode, sich still auf den Hosenboden zu setzen und etwa nur zu Übungszwecken eine Zugfahrt zu formulieren oder einen traurigen Moment oder eine dramatische Autoverfolgung. Genau das ist aber notwendig. Und zwar immer und immer wieder.
5. Denn das Lernen sollte für Autoren zur unendlichen Beschäftigung werden. So sehr es auch befriedigen mag, das eigene Handwerk zu beherrschen, man muss es immer wieder infrage stellen und sich neu im Koordinatensystem der Literatur verorten. Es gehört zu den sowohl schmerzhaften als auch ermutigenden Wahrheiten, dass es nie die perfekte Methode geben wird, einen Stoff in Worte zu fassen. Und auch wer seinen eigenen, sehr persönlichen Stil gefunden zu haben glaubt, sollte sich fragen, ob es nicht an der Zeit sein könnte, ihn zu ändern. Oder gleich eine andere Strategie zu fahren und nicht mehr »seinen« Stil zu pflegen, sondern sich viele andere Stile zu erarbeiten, mit denen sich neue Formen der Darstellung entwickeln lassen. Experimentieren. Neugierig sein. Immer neue Pfeile in den Schreibköcher stecken.
6. Die große Kunst des Schreibens erreicht man dann, wenn die Routine des Handwerks mit der Unberechenbarkeit des kreativen Prozesses verzahnt ist. Es ist der Moment, in dem sich Nüchternheit und Trunkenheit vereinen, der Moment, in dem Literatur entsteht. Der Moment, in dem aus harter Arbeit die fließende Leichtigkeit des Schreibens wird.

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2 Kommentare

  1. Ein Schritt, der mir beim „Schreibenlernen“ zu oft vernachlässigt wird, ist das Erlernen des tatsächlichen (Recht-)Schreibens, der Stilmittel, Grammatik etc. – man kann sich noch so wunderbare Geschichten ausdenken, aber ohne dieses lästige Handwerkszeug wird da einfach kein gutes Buch raus.

  2. Sabine Hennig-Vogel

    „… wenn die Routine des Handwerks mit der Unberechenbarkeit des kreativen Prozesses verzahnt ist. Es ist der Moment, in dem sich Nüchternheit und Trunkenheit vereinen …“ Sehr schön ausgedrückt. Klingt für mich nach Verliebtheit, die ich persönlich für die weltbewegende Triebkraft halte.

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