Geschwindigkeit ist keine Hexerei

Sie schreiben einen 250-Seiten-Roman in zwei Monaten? Sie sind ein elender Pfuscher! Sie brauchen für eine 80-Seiten-Novelle ein knappes Jahr? Mein Gott, was für ein gewissenhafter Autor Sie doch sind!
Leute, es nervt. Ja, ich schreibe 250-Seiten-Romane in zwei Monaten – und nebenbei beschäftige ich mich noch mit anderen Dingen, ich arbeite schon am nächsten Projekt, ich lektoriere, ich blogge, und ja, ich habe auch noch den kleinen Rest eines literaturfreien Privatlebens. Und ich bin kein Pfuscher. Wer mich so nennt, nur weil er nicht verstehen kann, wie Schreiben funktioniert, den nenne ich einen Idioten. Basta. Und kläre gerne auf.
Beginnen wir mit dem Fundament, dem Schreiben an sich. Es ist, zumal für Menschen, die Schreiben in irgendeiner Form mit »Literatur« assoziieren, undenkbar ohne eine andere Tätigkeit, das Denken. Selbst wenn ich nur meinen Einkaufszettel zusammenstelle, muss ich mir Gedanken darüber machen, was ich so alles brauche. Und auch hier gibt es generell zwei Vorgehensweisen: Entweder setze ich mich fünf Minuten hin und überlege, dann schaffe ich den eigentlichen Schreibvorgang in einer Minute. Oder ich setze mich vor den noch jungfräulichen Einkaufszettel, beginne zu denken – schreibe – denke weiter – schreibe – denke weiter – streiche den letzten Posten, weil ich die Schokoflocken vielleicht doch nicht so dringend brauche – denke – schreibe – denke – streiche … Man kann es halten, wie man möchte. Für einen Außenstehenden jedoch würde der Eindruck erweckt werden, dass da im ersten Fall ein reichlich flotter Schreiber am Werk gewesen sein müsse, im zweiten Fall hingegen ein zögerlicher, sehr penibler, der statt einer Minute vielleicht sechs gebraucht hat. In Wirklichkeit jedoch – man ahnt es bereits, haben beide sechs Minuten gebraucht, sie sind nur auf verschiedenen Wegen zum Ziel gekommen.
Wie schnell ich einen Roman schreibe, hängt auch entscheidend von der Beherrschung meines Handwerks und seiner Werkzeuge ab. Jedem Schreiner, jedem Bäcker gesteht man eine Lehrzeit zu, in der er nach und nach alle Arbeitsgänge verinnerlicht, um sie später, wenn er sich Schreiner oder Bäcker nennen kann, zügig abzuwickeln. Das ist bei Schriftstellern genauso. Wenn alles normal läuft, vergehen ihre ersten Jahre als ein beständiges Lernen und Verwerfen, ein Murksen und Streichen, ein Lesen und Imitieren und Eigenständigwerden. Ich bin ein sehr großer Freund der These, man solle wenigstens sein erstes abgeschlossenes Werk bitte NICHT veröffentlichen, sondern als nostalgisches Übungsstück in einer hinteren Ecke seines Rechners aufbewahren. Gut, das klingt im Zeitalter des schnellen Ebooks plus bequemer CreateSpace-Printversion illusorisch. Wer sich aber daran hält, wird im Laufe der Zeit nicht nur lernen, mit seinen Werkzeugen – der Sprache, der Komposition eines Textes, seiner dramaturgischen Inszenierung – umzugehen, er wird auch den für sich idealen Weg kennenlernen, beispielsweise einen Roman effizient zu erschaffen. Zu der eigentlichen Schreib- und Bearbeitungszeit müsste man also immer auch die Zeit rechnen, die man zum Lernen benötigt hat. Man schreibt einen Roman vielleicht in zwei Monaten – aber diesen zwei Monaten gehen viele Monate der Vorbereitung auf die Tätigkeit des Schriftstellers voraus.
Ebenfalls von Bedeutung ist die Organisation. Ein Berufsschriftsteller wird sich seinen Arbeitstag so einteilen, dass er ihn optimal nutzen kann. Er weiß zum Beispiel auch, wann die für ihn beste Schreibzeit ist, morgens, mittags oder abends. Er weiß zudem, wie er sie am günstigsten vorbereitet. Bevor ich loslege, weiß ich etwa, wie lange der Text am Ende sein wird, die Abweichungen liegen im Bereich von plus / minus fünf Prozent. Ich weiß auch, dass ich keine Musik beim Schreiben höre und nicht unbedingt Tage damit verbringe, den Namen meines Protagonisten festzulegen. Vor allem aber weiß ich, WAS ich schreibe. ICH bin der Schöpfer, keine dahergelaufene Romanfigur übernimmt das Kommando!
Sobald ich mit dem Schreiben begonnen habe – schreibe ich. Meine Tippgeschwindigkeit liegt bei 300 Anschlägen in der Minute und ja, auch das gehört zum professionellen Handwerk. Wenn ich merke, wie ich langsamer werde, weiß ich sofort, dass es bald Zeit sein wird, aufzuhören. Ein Limit, sagen wir fünf Seiten, setze ich mir zwar, doch wenn es nicht läuft, läuft es halt nicht. Keine Panik wegen »Schreibhemmung«, kein Greinen, sondern schlicht: aufhören und morgen weitermachen. So beträgt mein Pensum zuverlässig pro Tag zwischen 0 und 20 Seiten, ohne Stress und ohne Tränen.
Ich versuche »druckreif« zu schreiben, merke jedoch, wenn ein Satz nicht so klingt, wie er eigentlich klingen sollte. Fällt mir nicht sofort eine Lösung des Problems ein, vergesse ich es und vertraue darauf, es bei der Überarbeitung klären zu können. Bei dieser Überarbeitung schließlich stelle ich dann fest, dass es mir gelungen ist, den Text zu 95% ohne Änderungen übernehmen zu können. Nein, das ist keine arrogante Angabe, sondern hängt mit dem zusammen, was ich unter »Lehrzeit« verstehe. Ich schreibe seit ca. 45 Jahren und so ganz allmählich sollte ich wissen, wie es geht und wie die Sätze sein müssen, die vor meinem kritischen Auge Gnade finden.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich habe überhaupt nichts gegen Kolleginnen und Kollegen, die es anders halten. Manche Texte brauchen tatsächlich viel Zeit. Es kommt vor, dass ich einen Text beginne – und wieder verwerfe. Ihn noch einmal beginne – und abermals verwerfe. Weil einfach der »Sound« nicht stimmt. Und es kann vorkommen, dass ich ihn schließlich fluchend in den Ordner »Angefangene und leider nicht beendete Projekte« stecke. Aber das ist die Ausnahme.
Man sieht: Ein 250-Seiten-Text, der in zwei Monaten entstanden ist, kann das Produkt jahrelanger Vorarbeiten und kontinuierlichen Lernens sein. Er bedarf zudem einer ganzen Menge Selbsterkenntnis und Organisation, ganz zu schweigen von dem, was man nicht sieht und auch nur schwerlich messen kann: der Denkarbeit. Pfusch? Nein. Sorgfältiges und konzentriertes Arbeiten.

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Ein Kommentar

  1. mattygrace

    Ich unterschreibe deinen Artikel mit einem zustimmenden Nicken, da ich an meine Bücher genauso herangehe. Und dann sind 250 Seiten in 2 Monaten für mich kein Problem. 🙂

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