Brandon Q. Morris: Enceladus (Rezension)

enceladus_cover_fullScience Fiction gehört nicht zum üblichen Kanon meiner Lektüre, die Klassiker wie den großen Isaac Asimov einmal ausgenommen. Dass ich dennoch zu »Enceladus« griff, hatte einen persönlichen Grund, plante ich doch vor geraumer Zeit selbst einen Roman zu diesem merkwürdigen Saturnmond. Die Vorstellung, dass sich unter einer kilometerdicken Eisschicht ein Meer verbirgt, das durch Spalten Geysire nach oben schickt und möglicherweise organisches Leben hervorgebracht hat, erregt auch die Phantasie eines Kriminalautors, der jedoch frühzeitig erkannte, dass seine astrophysikalischen Kenntnisse über bloße Liebhaberei nicht hinausreichen. Ende des Projekts – und es war gut so …
Brandon Q. Morris ist Physiker und deshalb prädestiniert, in den unsichtbaren Ozean von Enceladus zu tauchen. Die Hauptgeschichte spielt im Jahr 2046, also in der nahen Vergangenheit, und schildert die Ereignisse einer Expedition, deren Ziel es ist, Hinweisen auf mögliche Lebensformen im Enceladus-Meer nachzugehen. Protagonist ist der deutsche Programmierer Martin, der mit fünf Kolleginnen und Kollegen die einjährige Reise zum Saturn auf sich nimmt. Schon gleich zu Beginn arbeitet Morris mit einem erzählerischen Kniff: Als Leser erfahren wir etwas, das die Besatzung des Raumschiffs noch nicht wissen kann, das aber den Erfolg des Unternehmens auf das Äußerste gefährdet. Doch auch ohne dieses Wissen geraten die Sechs von einer Bredouille in die nächste, sie müssen improvisieren, denn wo die mächtige KI (Künstliche Intelligenz) trotz ihrer Rechenkraft nicht mehr helfen kann, muss das menschliche Gehirn mit seiner spekulativen Kraft eingreifen.
Im ersten Teil, der Hinreise, arbeitet Morris mit zwei abwechselnd eingesetzten Zeitebenen. Wir erleben, wie Martin eher zufällig und unfreiwillig zur Crew stößt und eine Astronautenausbildung im Eiltempo durchläuft, und die Gegenwart des Alltags an Bord. Verwirrend ist das nicht, sondern sehr solide gemacht. Der Autor zählt sein Werk zur sogenannten »Hard Science Fiction«, jener Form von Zukunftsliteratur, die den aktuellen Stand von Forschung und Technik verwendet und lediglich hochrechnet, was in einigen Jahrzehnten sein könnte. Also keine Beamen und Reisen mit Lichtgeschwindigkeit, keine Wurmlöcher und neunte Dimensionen, sondern solides Wissen.
Hier genau lag für Morris die Herausforderung. Er musste Fachwissen (mit den üblichen Fachbegriffen) so aufbereiten, dass auch eher uninformierte Leser nicht vor lauter Googeln aus dem Lesefluss geraten, der Umgang mit der Technik (z.B. bei den Versuchen, Mängel durch Notlösungen zu beseitigen) musste auch erzählerisch nachvollziehbar sein. Das ist im Großen und Ganzen sehr gelungen, auch wenn man manche Passagen noch einmal lesen musste, was aber bei der Komplexität des Themas nicht ausbleiben kann.
Etwas allerdings fällt auf: Das soziale Leben an Bord wird mit relativ wenig Konflikten gezeichnet, und wenn doch einmal etwas im Argen liegt, löst es sich sehr schnell in Wohlgefallen auf. Auch Martin, der in vielem autistisch veranlagt ist (es wird im Roman auch einmal kurz angedeutet), verhält sich letztenendes kommunikativ. Wer die Überlegungen zu bevorstehenden Marsmissionen kennt, weiß aber, dass gerade die soziale Interaktion der Crew zu den größten Herausforderungen zählt, an denen solche Expeditionen scheitern können. Morris spart diese Thematik weitgehend aus – und das aus gutem Grund. Denn sie sind nicht seine »Baustelle«. Der mit 440 Seiten recht umfangreiche Roman hätte leicht den doppelten Umfang annehmen können, wäre er nicht nur auf die technische, sondern auch auf die psychologische Seite eingegangen, von erzählerischem Verheddern ganz zu schweigen.
So konzentriert sich der Text auf die wissenschaftliche Aufgabe, nach der Anreise im zweiten Teil auf die Erforschung des unsichtbaren Meeres. Hier nun überlappt sich die »nüchterne« Hard SF mit ihrer phantastischen Schwester, ja, es gibt Leben auf Enceladus, aber es ist anders als gedacht … doch lesen Sie selbst.
Das Buch endet mit einer Zusammenstellung aller Fakten, die man zu Enceladus bisher ermitteln konnte. Auch das sehr hilfreich und anregend.
Fazit: Morris ist mit »Enceladus« ein sehr überzeugendes Exempel von Zukunftsliteratur gelungen, fundiertes Fachwissen wird in einer soliden Erzählsprache transportiert, die Spannung steigert sich kontinuierlich und bleibt stets beim Thema. Zwar ist der Roman in sich abgeschlossen, doch ein zweiter Band wurde bereits angekündigt. Kein Wunder, denn noch sind nicht alle Fragen beantwortet. Ob sie es jemals werden? Man darf gespannt sein und auf die Fortsetzung warten.

Dieter Paul Rudolph

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