Bücher als Waffen

Ja, ich weiß, das ist eine steile These. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass der gegenwärtige Zustand vieler Gesellschaften direkt mit der Art und Weise zusammenhängt, wie und was an Büchern gelesen wird, wenn überhaupt noch gelesen wird. Diese in sich erstarrten Weltbilder, die alles, was nicht in sie hineinpasst, als »Fake!« denunzieren, die Vorliebe für schlichte Wahrheiten und starke Führungspersönlichkeiten findet sich wieder in den Vorlieben der Leser für möglichst »positive, sympathische« Protagonisten, eindimensionale Handlungen, per Küchenpsychologie begreifbare Motive, saubere Auflösungen (Mörder gefasst, Liebespaar kriegt sich) und möglichst leicht verständliche Moral.
Woher das kommt? Ich weiß es nicht. Sind die Autoren die Hennen und  die Leser die Eier? Oder doch andersrum? Wie auch immer, es ändert nichts daran, dass Literatur, die irritiert und das eigene Weltbild womöglich ankratzt, höchst unbeliebt geworden ist, nicht nur Unterhaltungsliteratur, aber auch sie. Vorbei sind die Zeiten eines Lion Feuchtwanger, als Bestseller noch komplexe Bilder einer Gesellschaft zeichneten und nicht mit Sympathieträgern um die Gunst von Lesern buhlten. Vorbei auch die Zeiten, da ein Bertolt Brecht die Mittel der Kolportage und der Unterhaltung einsetzte, um politisch Flagge zu zeigen. Schweigen wir ganz von Charles Dickens, dessen Romane immer auch Kommentare zu den Krankheiten und Verbrechen einer Gesellschaft waren. Politik, Kritik, ein differenziertes Weltbild, all das hat in der Unterhaltungsliteratur längst nichts mehr zu suchen, Lesen ist Zeitvertreib, Lesen ist affirmativ, es soll »Spaß machen«, als würde eine engagierte Literatur das nicht auch können.
Dabei käme genau der Unterhaltungsliteratur momentan eine wichtige Aufgabe zu, die nämlich, das Weltgeschehen zu kommentieren. Es geht nicht um Agitation, sondern um das Bewusstwerden der Verhältnisse, in die wir mehr und mehr hineinschlittern, ohne uns wirklich zu wehren, dieses Dummbeutelhafte und Menschenfeindliche, die wahllose Verbreitung von Falschmeldungen, die längst »alternative Fakten« heißen und von langer Hand gesteuert werden. Nicht dass dies geschieht, ist das Problem. Natürlich geschieht es. Aber dass man damit durchkommt, dass immer mehr Menschen es scheinbar verlernt haben, Dinge zu überdenken, zu prüfen, darin tickt die Bombe.
Also was können wir Autoren tun? Von der sogenannten »hohen Literatur« erwarte ich nichts mehr. Meine Hoffnung sind die Autoren von Genreliteratur, die von Anfang an darauf angelegt ist, viele Menschen zu erreichen, die natürlich unterhalten soll und muss, aber genau damit versucht, Kommentare zur Wirklichkeit zu streuen. Pflanzt Widerhaken in eure Erzählungen, erinnert die Menschen daran, dass die fantastischen Welten, durch die sie sich lesen, mit den wirklichen Welten untrennbar verzahnt sind. Romane sind keine Konkurrenten der Wirklichkeit, sie sind alternative Wege durch sie hindurch, Chancen, die Eindimensionalität des Denkens zu durchbrechen. Literatur, die uns ein paar gemütliche Stunden beschert und nach der Lektüre sofort wieder vergessen wird, mag ja ganz nett sein. Letztlich aber ist sie belanglos. Am Ende schafft sich Literatur damit selbst ab, es werden immer mehr Bücher veröffentlicht, aber sie bleiben leer.

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2 Kommentare

  1. Hat dies auf Ryek Darkeners Blog rebloggt und kommentierte:
    Durchaus nachdenkenswert.

  2. Gerda Greschke-Begemann

    Ich bin sehr begeistert von dem Appell – und kann nur wünschen, dass AutorInnen das notwendige Rückgrat besitzen, ihn zu beachten.

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