Schreibblockade. Was der Doktor empfiehlt

Wenn ich als Kind keine Lust auf Schule hatte, wurde ich krank. Fieber, Magen, Kopf, irgendetwas ging immer. Und merkwürdig, aber obwohl ich gar nicht krank war, habe ich mich so gefühlt, wenigstens so lange, bis ich meine Mutter davon überzeugt hatte, dass es mit mir zu Ende ging und ich zuhause in meinem warmen Bett sterben wollte.
Die Schreibblockade ist die eingebildete Krankheit des Autors, der gerade keine Lust zum Schreiben hat. Auch er (oder sie natürlich) fühlt sich irgendwann wirklich »krank«. Dabei sind solche »Schreibblockaden« nichts anderes als Anzeichen von Gesundheit, sie sind Abwehrkräfte des Geistes, die gegen einen unsichtbaren Feind zu Felde ziehen, eine Art kreatives Fieber also und somit per se nichts Schlimmes. Was sind nun die Ursachen und was kann man dagegen unternehmen? Fragen Sie den Schreibarzt Ihres Vertrauens, fragen Sie mich …
Texte sind Lebewesen. Ohne die notwendigen Organe und Funktionalitäten entwickeln sie sich nicht oder nicht so wie geplant. Jeder Arzt testet also zunächst die Vitalfunktionen seines Patienten, ob Mensch oder Text. Arbeitet das Herz richtig? Ist der Kreislauf stabil? Macht das Gehirn, was es machen soll? Man kann dies leicht auf einen Text übertragen und sollte es möglichst tun, BEVOR das Schreibfieber zu wüten beginnt.
Doch hier hakt es schon. Wer vorgibt, unter einer »Schreibblockade« zu leiden, ist wie ein Kranker, der klagt, ihm täten sämtliche Knochen weh und es auf die Qualität seiner Kleidung schiebt. Nein, wem die Knochen wehtun, wem der Text fremd und widerlich geworden ist, sollte nicht den »Plot« zu allererst im Auge haben, sondern die Struktur darunter, das Gerüst. Habe ich die Erzählperspektive richtig gewählt? Vermag sie es, meine Geschichte zu transportieren, liegt sie mir überhaupt oder sollte ich vielleicht doch wechseln? Wie ist es mit dem Stil? Passt er zur Geschichte? Wichtiger noch: Passt er zu mir? Es gibt ja, wie ich an anderer Stelle schon einmal ausgeführt habe, generell zwei Wege: Entweder presse ich den Text in meinen favorisierten Stil – oder ich passe mich stilistisch dem an, was ich erzählen möchte. Wenn ich aber meinen Stil überhaupt nicht kenne oder nicht ausreichend versucht habe, den für die Geschichte optimalen Stil zu finden, darf ich mich nicht wundern, wenn dieser Textblutkreislauf irgendwann einmal kollabiert.
Gehen wir noch einen Schritt zurück. Es gibt Autoren, die ihren Text vorher minutiös planen und plotten. Andere, ich gehöre dazu, haben lediglich eine vage Vorstellung und legen einfach los. Welcher Typ sind Sie? Vielleicht gar nicht der, der Sie zu sein glauben? Bei »Schreibblockaden« kann es sich also durchaus lohnen, einmal die andere Variante zu versuchen.
Damit zusammen hängt auch die Art und Weise des Schreibprozesses selbst. Sind Sie eher der »Ich begebe mich in einen Schreibrausch«-Typ oder bevorzugen Sie es, schon bei der Niederschrift möglichst nüchtern und »druckreif« zu schreiben? Auch hier: Einfach mal andersrum probieren!
Kommen wir zum Plot. Ein Plot ist, wenn man sich die ursprüngliche Definition anschaut, nicht einfach ein Abriss der Handlung oder gar eine Inhaltsbeschreibung, obwohl das viele glauben. »To plot« hat, neben vielen anderen, die Bedeutung »etwas grafisch darstellen« (Vielleicht kennen einige von uns noch den »Plotter«, ein Drucker für technische Kurvendarstellungen.) Ein Plot ist also eine Art »Fieberkurve« (passt doch …) des Textes, der vor allem seine Dramaturgie aus dem Handlungsabriss destilliert. Ob Sie das jetzt als Kurve darstellen wollen oder nicht: Sie sollten sich Ihren Text genau unter diesem Aspekt betrachten. Nach meiner Erfahrung als Lektor treten »Schreibblockaden« nämlich häufig dann ein, wenn hier etwas nicht stimmt, der Text so dahindümpelt, verflacht, spannungslos oder mit willkürlich gezeichnetem Spannungsbogen völlig an dem vorbeigeht, was Sie selbst sich von ihm erwartet haben. Frustration ist die Folge.
Es gibt noch weitere Gründe, warum es nicht mehr zu laufen scheint. Mögen Sie eigentlich Ihre Figuren? Können Sie etwas damit anfangen? Ist es wirklich ratsam, Ihren Text in der flirrenden Welt des Investmentbankings zu lokalisieren, obwohl Sie keine Ahnung davon haben und eigentlich auch gar nicht daran interessiert sind? Wie vertraut ist Ihnen eigentlich das Genre, in dem Sie schreiben? Hier hilft, wie so oft: Lesen! Neben Information bietet es auch Inspiration, schauen Sie, wie andere an ein Thema herangehen, kopieren Sie nicht, aber lernen Sie daraus.
Apropos lesen: Wenn Sie unbedingt Schreibratgeber lesen müssen, bitte … Aber versuchen Sie nicht sklavisch, sich an all die »Regeln« zu halten, die man Ihnen dort nennt. Verkrampfen Sie nicht bei der Suche nach »Füllwörtern« (die gibt es sowieso nicht per se) und ja, man darf neuerdings auch einen Satz mit »Als« beginnen, ohne dass Amazon einen aus KDP wirft …
Zum Schluss noch dieses: Schreiben ist Arbeit und nicht unbedingt eine hübsche Beschäftigung für zwischendurch, für die Zeit, in der das Gulasch auf dem Herd köchelt oder der Bus wieder mal zehn Minuten Verspätung hat. Nutzen Sie diese Zeit lieber, sich Gedanken über Ihren Text zu machen, für das Schreiben selbst haben sich feste Arbeitszeiten bewährt, in denen man sich voll auf diesen Prozess konzentrieren kann. Ob Sie nun zwei Stunden am Abend dafür einplanen oder zwei Stunden vor dem Frühstück, bleibt Ihnen überlassen. Finden Sie es raus.
Schön und gut, aber was, wenn man doch jetzt unter »Schreibblockade« leidet? Was kann man tun? Irgendwelche Sofortmaßnahmen?
Ja, natürlich. Gehen Sie mit Ihrem Hund oder Ihrer Frau spazieren. Schauen Sie wieder mal eine Folge »Musikantenstadel«, wenn’s der Wahrheitsfindung dient. Haben Sie Sex oder gehen Sie ins Kino, ärgern Sie sich über Ihren lauten Nachbarn oder freuen Sie sich über die Geranien auf Ihrem Balkon. Tun Sie etwas! Vergessen Sie das Schreiben! Und dann setzen Sie sich wieder vor den Laptop und legen los. Analysieren Sie das Problem, probieren Sie aus – und Sie werden sehen: Ihre Blockade wird ganz ohne Tabletten verschwinden.

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