Selfpublishing: Was es AUCH ist

Selfpublishing ist, wenn ich meinen Text bei Amazon hochlade und die innerhalb weniger Minuten ein Buch draus machen, das dann innerhalb weniger Stunden zum Verkauf steht. Okay, es gibt auch noch Tolino und andere, aber dort funktioniert es ähnlich. Ist es wirklich so oder doch ein wenig komplexer? Besteht die schöne neue Welt des Autor-Seins wirklich vor allem darin, meinem Ego zu schmeicheln und idealerweise noch Geld dabei zu verdienen?
Selfpublishing, so viel ist klar, sollte mehr sein als eine Publikationsmethode, die allein die Möglichkeiten des technischen Fortschritts wie ein keckes neues Hütchen auf einen alten Kopf setzt, in dem doch weiterhin die Mechanismen des Gestern walten. Wer vor dem Ausbruch der technischen Buch-Revolution Texte veröffentlicht hat, war einer ganz bestimmten Denkweise verpflichtet, die fast ausschließlich in hierarchischen Bahnen agierte. Du möchtest ein Buch veröffentlichen? Dann bist du zunächst ganz unten, ein Bittsteller, ein Versender »unverlangter Manuskripte«, der darauf hofft, dass der Verleger / Herausgeber einen guten Tag erwischt hat und dein Talent erkennt. Denn merke: Ohne Verlag bist du nichts, schon gar kein »Autor«, denn in den Zeiten vor der Stunde Null des Selfpublishing bestimmten andere, wer sich so nennen durfte und wer nicht. Und weil die guten Tage der Verleger rar waren und ihre Augen nicht nur nach Talenten, sondern auch nach hohen Absatzzahlen suchten, konnte man diese Zeiten vor der Stunde Null auch das Schubladenzeitalter nennen. Oder ein wenig frecher: Was heutzutage bequem auf dem Amazon-Marktplatz abgeladen werden kann, verstopfte früher Schränke und Truhen.
Auch bei mir, selbstverständlich. Mein erstes »unverlangt eingeschicktes Manuskript« ging auf die Reise, da war ich noch keine siebzehn, eine Sammlung mit Kurzgeschichten. Der Lektor war so liebenswert, seine Ablehnung mit ein paar persönlichen Zeilen zu garnieren, in denen er mir »unbezweifelbar Talent« bescheinigte und mich ermunterte, meinen Weg zu gehen. Mit siebzehn nämlich veröffentlichte man damals keine Bücher, selbst Françoise Sagan schrieb ihren Weltbestseller mit 19 und Peter Handke, der ewige Jugendliche der deutschsprachigen Literatur, zählte beim Erscheinen seines Erstlings schon 23 Lenze und hatte zuvor die gesamte Literatur der Bundesrepublik schwer beleidigen müssen, um auf sich aufmerksam zu machen.
Nein, Jugend war ein Ausschlusskriterium. Wer mit Mitte / Ende zwanzig einen Verlagsvertrag erhielt, galt als Wunderkind, alles, was jemand zuvor geschrieben hatte, blieb in den Schubladen – und das war gut so. Und heute? Veröffentlichen Vierzehnjährige dickste Fantasytrilogien und liest sich die »Backlist« von Zwanzigjährigen wie die Ausbeute eines langen und fleißigen Schriftstellerlebens.
Denn das ist anders geworden: Selfpublishing hat sich zu einer Art Ablageplatz für erste Schreibversuche entwickelt, jenseits von Professionalität und selektierenden Verlagsinstanzen – und das ist gut so. Ich selbst arbeite mit jungen Talenten zusammen und bin nach wie vor überrascht, wie viele es doch gibt. Andererseits: Es ist fast unmöglich geworden, von einem Talent so etwas wie »Demut und Geduld« zu erwarten. Und der gutgemeinte Rat, das erste Buch NICHT zu veröffentlichen, sondern als Lehrgeld zu ver-buchen, wirkt auf jugendliche Selfpublisher wie das Gebrabbel eines Außerirdischen.
Hier hat sich also ein Feld aufgetan, das es vor dem Selfpublishing aus nachvollziehbaren Gründen gar nicht geben konnte. Und es betrifft nicht nur die jungen Talente, die via SP zu Autoren werden und häufig auch zu Verlagsautoren, denn auch dies gilt es zu bemerken: Die Anzahl der noch nicht Zwanzigjährigen, die plötzlich Verlagsverträge ergattern, hat sich enorm gesteigert. Nein, auch das andere Extrem findet durch SP eine unverhoffte Möglichkeit, mit potenziellen Lesern in Kontakt zu treten: die Senioren. Jene also, in deren Schubladen sich bereits Manuskripte türmen oder die, ermuntert durch die schiere Möglichkeit, begonnen haben, für die Öffentlichkeit zu schreiben.
Jeder, wirklich jeder, der ein paar intimere Einblicke in das Verlagsgeschäft genießt, weiß, dass dort Autoren jenseits der 50, gar jenseits der 60, so gut wie keine Chance haben, veröffentlicht zu werden, wenn sie »neu« sind. Man redet in der Öffentlichkeit nicht darüber, aber es ist so, wobei Ausnahmen möglich sind. Die Bäuerin Anna Wimschneider war bereits im Rentenalter, als sie mit »Herbstmilch« ihre Lebenserinnerungen veröffentlichte und damit einen Coup landete. Nur: Den Coup landete der Verlag, der eine noch unbesetzte Nische erkannte. Hätte Frau Wimschneider stattdessen einen Krimi oder einen Liebesroman veröffentlichen wollen, man hätte das Manuskript nach Zurkenntnisnahme des Geburtsdatums wahrscheinlich gar nicht er gelesen.
Auch hier ist seit Selfpublishing alles anders. Senioren schreiben Bücher, so wie Teenager Bücher schreiben, und auch wenn beide Parteien möglichst viel verkaufen und erfolgreich sein wollen, so zählt doch die Tatsache, dass sie »dazugehören« mehr als die vordergründige Wirkung. Sie sind DA, sie haben das von Verlagen, Feuilletons und akademischer Betrachtung definierte Feld »Literatur« erweitert, ob nun immer zum Besten, sei dahingestellt, aber das spielt in diesem Zusammenhang auch keine Rolle.
Eine dritte Gruppe sei noch genannt, gewiss die unspektakulärste, aber doch im Endeffekt diejenige, die es schaffen könnte, das alte hierarchische System hinwegzufegen. Es sind die nicht windschnittigen, nicht im Trend liegenden, nicht in engen Genregrenzen sich suhlenden Außenseiter, die zwar auch jetzt Außenseiter bleiben, doch mit der Option, entdeckt zu werden. Auch ihnen bietet Selfpublishing eine Plattform, die allemal besser ist als eine kurze und deprimierende »Verlagskarriere«, die dort endet, wo sie begonnen hat: in der Schublade, im Vergessen. Auf diese Weise wird Selfpublishing, das nicht zu Unrecht als ein riesiges Reservoir für den Mainstream gilt, klammheimlich auch zu einem Lager für das Abseitige, das Innovative, weitab von attraktiven Amazonrankings und eher eine langfristige Chance für literarische Veränderungen.
Die drei genannten Gruppen, die von Selfpublishing profitieren, sind natürlich nicht strikt voneinander getrennt. Es gibt junge und alte Außenseiter, eine Art Schatten-Selfpublishing, in dem Neues gedeihen und sich mit viel Glück durchsetzen kann. In dieser Teilwelt sind die Regeln des Marktes nur bedingt gültig, dieses »Schreib deinen Lesern nach dem Maul, feile die Kanten deines Textes so lange ab, bis er in jeden Magen passt«.
Man sieht: Selfpublishing kann mehr sein als nur eine bequeme Möglichkeit, jenseits der Verlagslandschaft viele Leser zu rekrutieren und Geld zu verdienen. Es vermag Talente zu fördern, es ermuntert Menschen fortgeschrittenen Alters zum Schreiben und es eröffnet Chancen für all jene Werke, die in einer immer betriebswirtschaftlich und gnadenloser agierenden Verlagswelt nicht einmal mehr den Hauch von Chance haben. Der springende Punkt: Nutzen wir die neuen Chancen ausreichend? Oder tickt unter dem neuen Hut der publizistischen Freiheit doch noch immer die alte gemütliche Kuckucksuhr eines von »Verlagsprofis« und anderen Autoritäten gemaßregelten Buchmarktes?

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3 Kommentare

  1. Schöne, nachvollziehbare und motivierende Istaufnahme.

  2. Elsa Rieger

    Ja sehr gut und wahr. Auch die vom alten Eisen grüßt.

    • Udo Kübler

      Wirklich treffender und gescheiter Artikel. Wobei man noch etwas mehr den Umstand herausarbeiten könnte, dass es seit der Möglichkeit des Selfpublishing auch den Umstand gibt, dieses Selfpublishing nicht als Notlösung zu sehen, weil man entweder von Verlagen abgelehnt wurde oder sich deren Willkür nicht stellen möchte. Für mich als bekennender Autor im Zweitberuf, ist Selfpublishing die Möglichkeit von vornherein kompromisslos das schreiben zu dürfen, was mich interessiert und es so schreiben zu dürfen, wie ich es für richtig und sinnvoll halte. Selbstredend interessieren mich dennoch Verkaufszahlen! Wesentlich weniger allerdings als Leserzahlen. Eine Trennung, die Verlagsautoren, wie auch hauptberuflichen Autoren ganz allgemein, wohl nie in den Sinn käme …

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