Vox populi oder Die Grenzen der Kritik

Letztens wurde das Cover eines meiner Bücher in einer ziemlich großen Facebookgruppe zur Diskussion gestellt. Gut, ich habe es selbst gemacht und Designtalent gehört wahrlich nicht zu meinen Grundbegabungen. Aber ich fand es … nett. Die Diskutanten in der Gruppe sahen das anders. Vom kotzenden Emoji bis zum diplomatischen »äh« fand sich alles, was die Bandbreite negativer Bewertung so hergibt, allerdings: Es kamen auch durchaus zustimmende Meinungen. Und jetzt? Das Buch hat sich nicht sonderlich gut verkauft, sollte ich das Cover ändern? Ich schwanke noch. Denn eigentlich … gefällt es mir noch immer und ich ziehe mich an den wenigen Leutchen hoch, denen es ebenso geht.
Dass jemand, der ein Cover zur Diskussion stellt, niemals nur negative oder positive Reaktionen erhält, sollte bekannt sein. Wie heißt es doch so schön, wenn man einer fundierten Diskussion aus dem Weg gehen möchte? Die Geschmäcker sind verschieden. Aber es betrifft ja nicht nur das Cover, es betrifft auch den Inhalt, den Text. Ein fundamentales, allgegenwärtiges Problem also. Wie halte ich, der Autor, es eigentlich mit meinen Lesern? Welche Macht haben sie über mich? Wie bestimmen sie meine Arbeit? Und: Bis zu welchem Grad erlaube ich ihnen, diese Macht über mich auszuüben?
Von der Sekunde an, da ich mich entscheide, für Leser zu schreiben, bin ich Schriftsteller. Ich habe den Kokon, der um mein Schreiben gesponnen ist, zerrissen, das Tor zu meiner Phantasie geöffnet und lade ab sofort wildfremde Menschen zu mir ein. Bisher war ich ein »Autor«, jemand, der nur für eine einzige Person geschrieben hat, für sich selbst. Dabei spielt für meine Entscheidung keine Rolle, ob ich nun die Schriftstellerei als Möglichkeit zum Geldverdienen nutzen oder einfach nur andere Menschen an meinen Geschichten und Gedanken teilhaben möchte. Völlig belanglos auch, ob ich mit »Herzblut« oder einer anderen Körperflüssigkeit oder keiner Schreibe. Es ist auch mehr als nur eine technische Frage. Wer für sich selbst schreibt, ist Gott und Geschöpf in einem. Er hat sich sein eigenes Paradies geschaffen und denkt nicht daran, sich populationsmäßig zu vergrößern. Wer für andere schreibt, gerät sofort in ein Netz aus Verpflichtungen, die er diesen anderen gegenüber eingeht.
Natürlich kann ich alles so belassen wie bisher, als ich mir keine Gedanken darüber machen musste, wie die anderen, die Leser sich in meiner Welt bewegen. Du, Leser, bist hier Gast, also benimm dich auch so. Akzeptiere, was dich hier erwartet, halte dich an meine Regeln. So funktioniert das nicht. Die Leser kommen ja nicht einfach so als dankbare Besucher. Sie haben dafür bezahlt, sie sind bereit, etwas zu opfern, und sei es nur Zeit. Mehr noch: Die Fremden, die da in mein Reich eingedrungen sind, werden sich nicht lange wie brave Gäste aufführen. Sie beginnen, es in Besitz zu nehmen, die Deutungshoheit zu gewinnen, zu kritisieren, Dinge in einer Weise zu interpretieren, mit der ich vielleicht nicht einverstanden bin. Doch genau das ist der Unterschied zwischen bloßem Schreiben und Literatur. Das Schreiben erlaubt es mir, Gedanken zu fixieren, MEINE Gedanken. Es ist eine Einbahnstraße. Literatur hingegen braucht Leser, sie basiert auf Kommunikation und Diskurs, sie ist ein aktiver Prozess, in dessen Verlauf der Leser sich meines Textes bemächtigt und zu seinem eigenen macht. Das hat Konsequenzen, über die ich mir von vornherein im Klaren sein muss.
Für Leser zu schreiben, bedeutet Strategien zu entwickeln, zu versuchen, sie in jenen »optimalen« Zustand zu versetzen, in dem sie den Text genauso rezipieren, wie ich Schriftsteller es mir vorstelle. Ich weiß aber auch: Das klappt niemals und darf auch nicht. Lesen verändert einen Text, stellt ihn zur Disposition. Ich habe zudem keinen Einfluss darauf, WER ihn liest und warum er dies tut. Will sich da jemand »nur« unterhalten und in seinen Ansichten bestätigt sehen? Diese Form der Literatur – ich nenne sie die »affirmative« – prägt die gesamte Bestsellerei, es ist eine Dienstleistung, um Lesern angenehm die Zeit zu vertreiben. Ihre Antipodin, die »diskursive« Literatur legt es darauf an, die Ansichten des Lesers zu verändern, wenigstens ins Wanken zu bringen, sie erfordert LeseARBEIT und intellektuelle Flexibilität. Beide Großformen sind legitim, aber sie beherbergen einen potenziellen Konflikt. Wer nur kurzweilig unterhalten werden möchte und bedauerlicherweise an mein Buch gerät, das von ihm intellektuelle Mitarbeit verlangt, wird es wohl nicht mögen. Pech. Kritisiert mich also ein solcher Leser, gehört er nicht zu meiner Zielgruppe. Aus. Wer hingegen von einem heiteren Sommerroman komplexe psychologische Zusammenhänge erwartet, hat sich auch »vergriffen«.
Ich arbeite nebenbei als Lektor und werde regelmäßig damit konfrontiert, dass Texte irgendwelcher Besonderheiten wegen aus dem Raster fallen. Dieses Raster besagt: Ich, Autor, möchte ein Buch veröffentlichen, das möglichst vielen Lesern gefällt. Nehmen wir einen Krimi. Ein Krimi, der viele Leser gewinnen will, muss mit Klischees arbeiten und sich an die sogenannten Genregesetze halten. Ein möglichst sympathischer Protagonist, mit dem man sich gerne identifiziert, eine saubere Auflösung und nach Möglichkeit auch Bestrafung der Übeltäter, genügend »Thrill« nach gängigen Mustern. Natürlich sind hier leichte Abweichungen vom Schema und gewisse Originalitäten statthaft, im Prinzip jedoch sollte ein Krimi mit Bestsellerpotenzial genau so funktionieren.
(Ganz nebenbei: Es kann passieren, dass etwa ein Krimi, der völlig außerhalb der gewohnten Bahnen läuft, zum Erfolg wird. Das nach wie vor prägnanteste Beispiel ist »Tannöd« von Andrea Maria Schenkel, einen Millionenseller, dem anfangs niemand auch nur 500 verkaufte Exemplare zugetraut hätte, ich auch nicht. Liest man sich durch die Amazonrezensionen, sieht man aber auch, wie viele »falsche Leser« dieses Buch angesprochen hat. Es gehört dazu.)
Vor allem bei Neulingen ist es hilfreich, sie gleich von Anfang an für das zu sensibilisieren, was sie in puncto Rezeption erwartet. Es liegt mir fern, ihnen »das Erfolgsmodell« aufschwätzen zu wollen (zu dem, nebenbei, noch eine Menge mehr als die Zutaten gehört). Sie sollen darüber ins Klare kommen, was sie selbst von ihren Lesern erwarten, bis zu welchem Punkt sie Kritik für relevant halten. Oder kurz: Ihnen soll bewusst sein, was sie mit ihrem Text im kommunikativen Austausch mit den Lesern bezwecken. Nur dann sind sie auch für solche Einwände offen, die zurecht erfolgen, weil solche Leser sie äußern, für die man einen Text geschrieben hat.
Ein Extrembeispiel: Wenn es mir in den Sinn käme, einen zweispaltigen Text zu verfassen (dessen Erzählstränge parallel zueinander verlaufen), müsste ich damit rechnen, von 99,9 % der Leser für verrückt gehalten zu werden, für einen Scharlatan, einen Blender, für jemanden, der seinen Konsumenten nicht den bequemen Lesefluss gönnt. Das wäre in Ordnung – und würde mich nicht stören. Ich wüsste, dass ich ein absolutes, fast unverkäufliches Nischenprodukt hergestellt hätte, das nur für eine Minderheit überhaupt »begehbar« wäre. Meine Ignoranz solcher Kritik gegenüber wäre mitnichten arrogant, sie wäre schlicht meinen eigenen Absichten geschuldet und somit legitim. Als Autor verteidige ich mein Werk, sobald es an grundsätzliche Dinge geht, seien sie formaler, stilistischer oder inhaltlicher Art. Ich würde dieses Werk mit allen Mitteln verteidigen, aber genau das kann ich nur, wenn ich es in- und auswendig kenne, mir seine Natur, seine Absichten, seine Klippen geläufig sind. Ich würde auch nicht über eine »Ein-Sterne-Amazon-Rezi« heulen, wenn sich in ihr das Unverständnis eines Bewerters widerspielte, der partout im für ihn falschen Gehirngarten unterwegs war.
Ganz anders verhielte es sich, wenn mich Leser, die sich auf mein ungewöhnliches Konstrukt einlassen, auf Schwächen hinwiesen. Das wäre eine Steigerung des kommunikativen Akts, eine weitere Ebene, auf der ich mich mit meinen Lesern austauschen und mich im Diskurs als Autor weiterentwickeln könnte.
Fazit: Wer für Leser schreibt, setzt seinen Text der Kritik aus. Wer dies tut, braucht eine Vorstellung von den eigenen Absichten, mit denen er einen Text überhaupt verfasst hat. Er muss sich klar darüber werden, wie er Kritik einordnen soll. Er muss stark genug sein, seinen Text zu verteidigen – und noch stärker, ihn bei berechtigter Kritik infrage zu stellen.

P.S. Unsere Reihe mit Textprobenkritiken setzen wir demnächst fort. Weitere Interessenten sind herzlich willkommen, bitte schicken Sie mir eine Nachricht.

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3 Kommentare

  1. Ich würde mal den „Plot“ meines Vorhabens eingeben können; ich habe ihn für die Kamphausen-Mediengruppe auf 2500 Zeichen gebracht. Kamphausen senior hat vor Jahren darauf mal mit einer Rückfrage reagiert. Jetzt verwies mich ein Junior auf die SP-Hilfsverlags-Aktivitäten tao.de (isbn, Eintrag in den VLB); bei Kamphausen tao = tredition will ich wahrscheinlich (den Löffel) nicht abgeben. Die Texte oder der Buchentwurf zu diesem Plot, zu dieser Sachstruktur, sind variabel. Wohin könnte man das senden? Mir sagte der Umschlag – Rahn schiesst? – eigentlich gut zu. Hab´s auch bei Amaz. schon gesichtet.

  2. Sabine Hennig-Vogel

    Das Fazit werde ich mir über den Schreibtisch hängen!

  3. Es gibt eine einfache und leicht verstehbare Replik auf Kritiker wie in obigem Beispiel, denen es mglw. vorrangig ums Herumnörgeln geht:

    Selber besser machen.

    Oder höflicher formuliert:
    „Für Verbesserungsvorschläge bin ich sehr dankbar.“

    Eckhardt Kiwitt, Freising

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