Ein Jegliches hat seine Zeit. Vom Kommen und Gehen der Werbemittel

Zuerst kostenlos und dann für 99 Cent. Und am Ende leihen die Leser die Bücher noch aus und man sieht, wenn es König Kunde nicht gefällt, noch weniger auf der Monatsabrechnung. Dieses jedem Selfpublisher wohlbekannte Szenario lassen die Pessimisten der Branche aufleben, vergessen dabei jedoch eins: Alles verändert sich, kein Stein bleibt auf dem anderen.


Es begann mit Gratisaktionen. Mein erstes SP-Buch habe ich drei Tage lang verschenkt und bin mächtig erschrocken. Über 3000 Sparfüchse schnappten zu, wer sollte das Ding denn noch kaufen? Nun, es taten immerhin noch etwa 200 Leserinnen und Leser, denen das Buch volle 2,99 wert war. Das waren zahlenmäßig auch nicht viel weniger als diejenigen, die das Papierbuch vier Jahre zuvor gekauft hatten, nach diversen Werbeaktionen des Verlags, Dutzenden von Rezensionsexemplaren und durch die Bank positiven Reaktionen. Die Gratisaktion hatte sich also gelohnt. Wir Selfpublisher besaßen nicht nur (theoretisch)  kostenlosen Zugriff auf die Produktionsmittel, sondern konnten auch bei der Werbung auf Instrumente zurückgreifen, die keinerlei Einsatz von Kapital erforderten. Denn die Rechnung »Wenn die 3000 Abgreifer gekauft hätten, hättest du 6000 Euro verdient«, ist natürlich die mit dem Milch und dem Mädchen.
Und heute? Meine über 3000 Abnehmer habe ich damals ohne jegliche Werbung erreicht. Heute muss man die Trommel rühren, damit sich der Kunde überhaupt noch gnädig zeigt, etwas umsonst zu nehmen, einige Anbieter verlangen sogar Geld, um eine Gratisaktion zu promoten. An 3000 geladene eBooks kommen allerdings die wenigsten heran, wenn es überhaupt noch vierstellig wird, kann man schon froh sein. Woran das liegt, ist eindeutig: Irgendwann hat es einfach jeder gemacht, selbst notorische Sammler von Ladenhütern sahen sich überfordert, Hinzukam die Enttäuschung über die miserable Qualität einiger der feilgebotenen Werke und, ganz entscheidend, die Einführung von Kindle Unlimited. Vielleser verkniffen es sich fortan, nach Gratisangeboten Ausschau zu halten, für 9,99 gibt es jetzt schließlich all you can read bis zum Abwinken.
War es Zufall, dass der Niedergang des Gratisangebots vom Aufstieg des »99-Cent-Einstiegspreises« begleitet wurde? Der nämlich setzte sich nach und nach durch, in gewissen Genres (Krimi, Liebe) gibt es kaum noch Titel, die zu einem höheren Preis auf den Amazonmarkt geworfen werden, ganz gleich ob Anfänger oder Arrivierter. Einziger Unterschied: Die Arrivierten schwenken irgendwann um und kehren zu den gewohnten 2,99 oder 3,99 zurück. Alle anderen, weniger bekannt, erlebten zumeist eine herbe Enttäuschung, als sie nämliches versuchten. Sie verschwanden schneller aus höheren Rankings, als sie »Bestseller« sagen konnten.
Das 99-Cent-Buch ist wie die Gratisaktion ein legitimes Werbemittel, und nein darüber streite ich nicht. Niemand wurde oder wird dazu gezwungen, allerdings: Die Strategie war von Anfang an in gleich dreifacher Hinsicht riskant. Zum Ersten verdient man nur ein Sechstel der Tantiemen eines 2,99-Buches, muss also schon auch Glück haben, einigermaßen auf seinen Verdienst zu kommen. Zum Zweiten: Der Markt für kürzere Erzählungen, traditionell 99-Cent-Ware, wurde noch mehr kaputtgemacht. Und zum Dritten: Wenn es irgendwann fast alle tun, verpufft der Effekt, siehe Gratisaktion. Genau an diesem Punkt scheinen wir jetzt zu stehen.
Es sind ja nicht nur die 99-Cent-Angebote von Herrn und Frau Selfpublisher, die das untere Preissegment verstopfen. Amazon selbst bringt in seinen »Deals« – es gibt tatsächlich mehrere, man wundert sich, wie viele es sind – manch 99-Cent-Schnäppchen unters Volk, neulich bei irgendeinem Aktionstag sogar welche für 59 Cent. Gleichzeitig häufen sich die Klagen der Autorinnen und Autoren, dass selbst 99 Cent keine wirklich realistische Chance mehr sind, »Sichtbarkeit« zu erlangen, diese höchste Währung des Marktes. Wir können also absehen, dass der Spuk des 99-Cent-Buches irgendwann einmal vorbei sein wird, weil sein ursprünglicher Vorteil keiner mehr ist.
Was kommt als Nächstes? Niemand weiß es. Nur eins wissen wir: Es gibt bei Amazon und anderen Anbietern genügend Leser, die sich nicht scheuen, für ein Buch auch 2,99 zu zahlen oder 3,99 oder 4,99 oder gar noch viel mehr. DAS ist die Zielgruppe der Zukunft. Sie wird nicht mehr zwischen Verlags -und SP-Büchern unterscheiden, was bedeutet: Das Ende des dilettantischen eBooks naht. Es wird zukünftig jener Stoff sein, den man für 99 Cent vielleicht noch gerade so mehr schlecht als recht wird verkaufen können und das Ganze wird so lange gelten, bis irgendjemand aus der Hochpreisgruppe auf die Idee kommt, man könne doch jetzt mal seinem Buch einen Wettbewerbsvorteil verschaffen und es für 99 Cent anbieten … Dann geht alles von vorne los, denn merke: Ein Jegliches hat seine Zeit, es verschwindet, wenn es sich totgelaufen hat – und taucht dann, eines Tages, wieder auf.

P.S. Als ich so herumvisioniert, kam mir die Idee, dass sich der langfristige Trend sogar werbemäßig von Amazon wegbewegen könnte, hin zu genre- und subgenrespezifischen Plattformen, die von den Autorinnen und Autoren selbst betrieben werden. Wieder das Thema Kooperation, das mich einfach nicht mehr loslässt. Attraktive und informative Inhalte, Hintergrǘnde, persönlicher Kontakt. Könnte das doch die Zukunft sein? Wie gesagt: langfristig …

Advertisements

2 Kommentare

  1. Den Vorschlag, die Sichtbarkeit über themenspezifische Plattformen zu erhöhen, finde ich sehr spannend. Tatsächlich gibt es ja inzwischen auch schon erste Tendenzen in dieser Richtung.
    Langfristig verspricht es auf jeden Fall eine größere Wirkung, als die ständigen Preissenkungen, die viele leider immer noch als non-plus-ultra des eBook-Marketings ansehen.

  2. Sehr guter Artikel. Stimme vollkommen zu.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: