Selfpublishing: fünf große Irrtümer

Nein, keine umwerfenden neuen Erkenntnisse. Aber Dinge, die man gelegentlich wiederholen sollte, um all diejenigen, die über dem Boden der Tatsachen schweben, sanft auf diesen zurückzuholen …

1. Als Selfpublisher verdiene ich mehr als bei einem Verlag
Kann aus mehreren Gründen nicht stimmen. Erstens: Der klassische Verlag konzentriert sich auf gedruckte Bücher, der klassische Selfpublisher auf eBooks. Es sind also zwei völlig verschiedene Segmente. Zweitens: Als Selfpublisher trage ich sämtliche Kosten und auch das Risiko, am Ende mit einem Verlust dazustehen. Es ist das alte Spiel: Je selbstständiger ich arbeite, desto höher die theoretische Aussicht auf Gewinn – und darauf, am Ende auf den Kosten sitzenzubleiben.

2. Schreib ein gutes Buch und es wird sich gut verkaufen
Hat noch nie gestimmt und ist kein Phänomen des Selfpublishing. Zutreffender wäre die Behauptung: Schreib für große Zielgruppen, erfülle ihre Wünsche – und du hast gute Aussichten, dass sich dein Buch ordentlich verkauft. Oder: Schreib ein schlechtes, unprofessionell präsentiertes Buch – und du wirst scheitern.

3. Selfpublishing ist kinderleicht
Ja. Und nein. Der technische Prozess lässt sich auch von Laien gut in den Griff kriegen, die Lernphase ist relativ kurz. Schwieriger wird es, wenn ich mir professionelle Leistungen dazukaufen oder sie selbst erbringen möchte. So oder so brauche ich Grundwissen zu Buch- und Covergestaltung, Typografie, rechtlichen Fragen (Bildrechte, Impressum, Zitatregeln …), Marketing, Steuern … Selbst wenn ich mich dazu entschließe, alles den Profis zu übergeben, sollte ich wissen, woran ich einen Profi erkenne, welches die üblichen Marktpreise und Fristen sind. Selfpublishing ist ein lukrativer Markt, es wimmelt nur so von Dienstleistern, die ihre Qualifikationen nicht nachweisen müssen. Was leistet ein Lektor und was nicht? Woran erkenne ich ein brauchbares Cover? Was bringt mir Werbung und wie und wo und für wen und zu welchem Preis platziere ich sie am günstigsten? Selfpublisher müssen also bereit sein, zu lernen. Beratungsresistenz ist der sichere Weg in den Abgrund.

4. Verlagsautoren mögen keine Selfpublisher
Immer mehr Verlagsautoren werden zu Selfpublishern und nutzen diese Möglichkeit etwa dazu, ihre freigewordene Backlist eigenständig noch einmal als eBooks zu publizieren oder »verlagsungeeignete« Texte, z.B. für sehr spezielle Zielgruppen. Verlagsautoren, die behaupten, Selfpublishing sei nur etwas für gescheiterte Autoren, die keinen Verlag finden, sind einfach realitätsfremd und / oder geistig beschränkt. Der Konflikt Verlagsautor / Selfpublisher wird zumeist von Journalisten herbeigeschrieben, die sich in der Materie ungefähr so gut auskennen wie ein Fisch in der Wüste. Oder ein Kamel auf dem Meeresgrund.

5. Selfpublisher gehören in die Buchhandlungen
Aha. Schön. Dann versucht es. Nichts dagegen. Aber die meisten werden es nicht schaffen, u.a. deshalb nicht, weil die Verlage die Buchhandlungen mit genügend verkäuflichem Stoff zuwerfen. Wie wäre es einfach damit, eigene vertriebliche Wege zu gehen? Miteinander zu kooperieren, um so mittelfristig einen eigenen Markt zu schaffen, auf dem die Wertschöpfungskette nicht so lang und letztlich so deprimierend für die Autoren ausfällt? Aber das wäre Thema eines neuen Beitrags, »Die fünf größten Utopien des Selfpublishing«.

Advertisements

3 Kommentare

  1. Korrektur zu
    „1. Als Selfpublisher verdiene ich mehr als bei einem Verlag
    Kann aus mehreren Gründen nicht stimmen.“
    Statt des ersten Satzes unter der Überschrift müsste es sinngemäß heißen: „Ja, das kommt vor. Aber nicht sehr oft./Aber das ist nicht Regel. Und zwar aus mehreren Gründen.“

    Und: E-Books sind nicht klassisch, auch für Selfpublisher nicht. Auch wenn viele SPler sich inzwischen darauf beschränken, E-Books zu veröffentlichen. Davon abgesehen ist dieser (angebliche) Unterschied kein Grund dafür, dass man SPler nicht zwangsläufig mehr verdient.

  2. Nachtrag (damit ich das Loben nicht vergesse) : Den Rest würde ich unterschreiben.

  3. Danke für den Blogbeitrag. Zu Punkt 5: Leider gibt es bislang wenige Initiativen, für Selbstverleger einen eigenen, von Lesern frequentierten Markt zu öffnen. Mein Eindruck ist, dass Autoren Einzelkämpfer sind und Kooperation eher nebenbei und zufällig geschieht. Das ist wirklich schade, da uns der Zugang zu Buchhandlungen und in die Redaktionen der Zeitschriften verschlossen ist.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: