Viele Wege führen zum Verlag

Es lässt sich einfach nicht leugnen. Für manche Autoren beginnt das Autorendasein damit, ihr Werk in einer Buchhandlung zu sichten, ein »Verlagsbuch«, am besten sauber und hoch neben dem Eingang gestapelt. Das selbstgemachte eBook samt via Createspace zusammengebasteltem Print on Demand? Ganz nett. Vor allem, wenn es sich einigermaßen verkauft. Dennoch bleibt die Sehnsucht nach dem Ritterschlag des Lektorats-Okays. Wie aber komme ich zu einem Verlag? Was nützt mir meine Selfpublishervergangenheit? Oder schadet sie mir gar?
Bevor wir uns diesen Fragen nähern können, müssen wir einige Dinge grundsätzlich festhalten. Das erste Faktum: Verlage wollen viele Bücher verkaufen. Das zweite: Es gibt große, mittlere und kleine Verlage. Drittens: Verlage agieren in einer anderen Welt als Selfpublisher, es gibt Überschneidungen, aber die sind oft zu vernachlässigen. Aber von was reden wir überhaupt, wenn wir uns über Selfpublishing und Verlage unterhalten? Um 10% Marktanteil? 15? 20? Und reden wir von Prints? Nein, wir reden von eBooks, fast ausschließlich. Alles andere, diese 80-90 % Markt mit seinen hübsch haptischen Büchern, läuft über Verlage.
Ein Buch, das als eBook bei Amazon reüssiert, könnte im Portfolio eines Verlags Ladenhüter sein. Nehmen wir einen der größten Bucherfolge der letzten Jahre, Daniel Kehlmanns »Die Vermessung der Welt«. Glaubt irgendjemand, dieses Werk hätte als selbstverlegtes eBook für 99 Cent oder 2,99 mehr als 100 Verkäufe generiert? Hätte es nicht. Weil die Zielgruppe für diese Art von Literatur nicht bei Amazon die ebook-Warenkörbe füllt, sondern überwiegend in Buchhandlungen kauft. Gerade Amazons eBook-Welt besteht in ihrer erfolgreichen Spitze aus Titeln, die früher als Heftromane erschienen. Es sind genau auf die Bedürfnisse des Lesepublikums abgezirkelte Genrevertreter, jede Abweichung von der Norm kann aus ökonomischer Sicht tödlich sein. Ich meine das nicht negativ, sondern rein feststellend. Es ist so und jeder vermag es nachzuprüfen. Natürlich gibt es in den Amazoncharts auch erfolgreiche und zum Teil hochpreisige Verlagsbücher. Hier ist es gelungen, die über das »Verlagsprintbuch« erzielte Popularität ins eBook-Segment hinüberzuretten. Was aber nicht an der Tatsache ändert, dass die allermeisten Verlagsbücher, auch solche, die sich gut verkaufen, als eBooks fürchterliche Flops sind.
Für einen Verlag, ganz gleich von welcher Größe, sollte es also zunächst keine Rolle spielen, wie erfolgreich – oder nicht – ein ihm angebotenes Manuskript in seiner SP-Vergangenheit gewesen ist. Nehmen wir an, ich habe eine Millionärsschmonzette verfasst oder einen blutrünstigen Thriller, der sich von Mord zu Mord hangelt. Nehmen wir weiter an, das Ganze habe sich prima als eBook verkauft. Für einen großen Verlag, der genau in diesen Segmenten tätig ist, mag damit der Titel »verbrannt« sein – oder er sieht das Autorenpotenzial und übernimmt ihn dennoch. Oder: Ein Titel mit »literarischem Wert«, etwas sperrig und überhaupt nicht »wegzulesen«, schafft als eBook gerade Rang 200.000 und landet dann auf dem Tisch eines kleineren oder mittelgroßen Verlags, der genau auf diese Art von Literatur spezialisiert ist. Er wird sich, wenn ihm der Text zusagt, auch von den grausigen Verkaufszahlen nicht abschrecken lassen, denn sein Publikum ist ein völlig anderes.
Entscheidend ist also nicht nur die Ausrichtung des Verlags, sondern auch die des Textes. Welches Zielpublikum habe ich im Auge? Will ich die große Masse erreichen oder von vornherein nur eine Nische besetzen? Will ich Letzteres (weil ich nämlich intelligent genug bin, meine Marktchancen von vornherein einschätzen zu können), gehe ich gar nicht erst über Amazon und Co., sondern suche mir einen passenden Verlag und biete ihm das Manuskript an. Das wird voraussichtlich ein kleineres Haus sein und die Verkäufe werden arg limitiert sein. Aber hey, so ist das nun mal.
Kleinverlag also. Aber ich will doch zu einem großen? Das eine schließt das andere nicht aus. Die meisten Autoren, die heute bei großen Verlagen sind, haben bei kleinen angefangen. Und es gibt Autoren, die als Selfpublisher sehr erfolgreich waren, heute aber bei eher kleinen Verlagen veröffentlichen, weil sie dort für ihre aktuelle Produktion ein besseres Umfeld sehen. Ein Beispiel ist David Gray, dessen Bücher seit geraumer Zeit bei Pendragon erscheinen, nicht direkt einem Winzling, aber per definitionem immer noch einem kleineren Verlag. Gray, der den eBook-Markt von Beginn an wie kaum ein Zweiter kennt, wird wissen, was er tut.
Aber siehe auch: Es zählt immer der Einzelfall. Wer mit seinen Büchern als Selfpublisher erfolgreich ist, braucht keinen Verlag, es sei denn, die Sehnsucht nach dem Buchhandlungsstapel ist größer als die nach einem gefüllten Bankkonto oder er beschießt, Bücher für einen anderen Markt, den des klassischen Buchhandels nämlich zu schreiben. Es gibt Titel, die einfach in Verlage gehören, weil sie durch das Raster der SP-Erfolgsformel fallen. Es gibt Verlage, die, weil sie Geld verdienen wollen, Autoren verpflichten, die bereits bewiesen haben, dass mit ihnen Geld zu verdienen ist. Und es gibt Verlage, die auch Geld verdienen wollen, aber nicht mit den Titeln, die man bei eBooks zwangsläufig schreiben muss, um die Kasse klingeln zu lassen. Und es gibt Autoren, die arbeiten in Eigenverantwortung oder für Verlage, je nachdem, sie schreiben Titel für Großverlage und Titel für Kleinverlage, auch je nachdem. So einfach ist das. So kompliziert ist das.

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5 Kommentare

  1. Noch eine kleine Ergänzung: Alle Welt redet über die tollen Honorare im Selfpublishing. 70%, Wow! Als Verlagsautor kriegt man 6% (Tb) bis 10%/(Hardcover).
    Und gleichzeitig jammern die meisten Selfpublisher. Über die hohen Lektoratskosten, Covergestaltung, etc. pp. Das kann schnell vierstellige Beträge kosten. Die muss man erst mal vorstrecken und niemand garantiert, dass man die zurückbekommt.
    Auch ein Grund, der manchen nach Verlagen schielen lässt. Eine Garantie für große Einkünfte gibt es aber auch bei Verlagen nicht.

  2. Für die Autoren sehr frustrierend (und letztlich destruktiv) ist der Umstand, dass sich »die Verlage« beim Prozess einer Kontaktanbahnung in kommunikativer Hinsicht oft wie schwarze Löcher verhalten. Irgendwelches Feedback ist selten, zeitnahes noch seltener, und welches mit einer auch nur halbwegs aufschlussreichen Stellungsnahme (zu der Ablehnung, natürlich) eine echte Rarität.

    Meinen nächsten »Anlauf«, im Rahmen meines neuen Romanprojektes, und falls das jemals soweit gedeihen sollte, werde ich dann wohl eher auf Literaturagenten konzentrieren.

  3. „Alles andere, diese 80-90 % Markt mit seinen hübsch haptischen Büchern, läuft über Verlage.“ Stimmt so nicht ganz: SP findet auch sehr, sehr oft über „haptische Bücher“ statt. Ungeübte Buchkäufer merken das nur nicht, weil sie entweder nicht aufs Impressum schauen oder die dort oft als „Verlag“ genannten SP-Dienstleister nicht (er)kennen.

    Die hohen Margen beim Selfpublishing führen tatsächlich manchen in die Irre. Recht viele optimieren diese allerdings durch Minimierung der Kosten – lassen also z. B. das Lektorat ausfallen (oder bedienen sich nur kostenloser „Betaleser“) und basteln die Cover die selbst.

  4. Mit »hübsch haptischen Büchern« sind doch aber vermutlich Hardcover-Ausgaben gemeint. Und da dann versehentlich an ein SP-Produkt zu geraten, ist eher unwahrscheinlich, oder?

    Kein professionelles Lektorat, self-made Covergestaltung? Es erfüllt mich mit Freude, der Werkstadt ein Paradebeispiel geliefert zu haben, bei dem nachweislich beides der Fall ist: https://dprwerkstatt.wordpress.com/2016/12/11/klaus-scharfenstein-von-den-wahnsinnigkeiten/

    • Ooch, es gibt sicher auch eine Anzahl von Hardcover-Bücher im SP-Sektor. Tredition z. B. bietet das ohne Aufpreis an. Reine Softcover-Auflagen andererseits gibt es zu Hauf auch in echten Verlagen.

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