Was Sie von Ihrem Lektor erwarten – und was Ihr Lektor von Ihnen erwartet

Nichts, wirklich nichts scheint ein größeres Mysterium zu sein als das Verhältnis von Autor und Lektor. Braucht, wer ein Buch veröffentlichen möchte, unbedingt jemanden, der es »verbessert«? Die Antwort lautet: nein. Nicht unbedingt. Es gibt Bücher, die auch ohne Lektorat funktionieren – und Bücher, die trotz Lektorat misslungen sind, manchmal sogar WEGEN des Lektorats. Wenn ich das als jemand, der auch als Lektor arbeitet, schreibe, mag das als zunftschädigend gelten. Aber hallo – welche Zunft eigentlich? Es gibt keine, denn »Lektor« ist kein Beruf mit festen Regeln und Voraussetzungen, JEDER kann sich als Lektor verdingen. Der Grund ist simpel: Gib zehn Lektoren dein Manuskript und du erhältst zehn unterschiedliche Ergebnisse, deren Bewertung zumeist höchst subjektiv ausfallen muss. Ich kenne Fälle (vor allem von Verlagslektoraten), in denen man einem Autor den eigenen Stil konsequent ausgetrieben und auf marktkonforme Stromlinienförmigkeit getrimmt hat. Bei anderen Kollegen sahen Manuskripte nach dem Lektorat aus wie planierte Landschaften, alles an »Füllwörtern« war eliminiert worden, wobei ich endlich mal eine Liste dieser bösen Wörter sehen möchte, aber gewiss nie zu sehen kriege, denn es gibt sie nicht. Jedes Wort kann in einem bestimmten Kontext »Füllwort« sein, doch das nur nebenbei.
Es gibt eine Form von Eigentümlichkeit in Texten, die es geradezu verbietet, eine fremde Hand an ihr herumwursteln zu lassen. Mein letztes Buch in einem Verlag etwa MUSSTE so, wie das Manuskript vorlag, veröffentlicht werden, jeder Eingriff durch einen Lektor hätte seine Originalität zerstört. Bei anderen Büchern aber bin ich froh, dass ich die aufmerksamen Augen und das Fachwissen von Lektorinnen an meiner Seite habe. Denn auch Lektoren brauchen Lektoren, wenn sie selbst schreiben. Nicht immer, aber oft …
Natürlich ist das nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte: Die meisten Autoren brauchen DRINGEND Lektoren, nur eben die passenden. Und es beginnt immer mit Erwartungshaltungen – oder nennen wir es konkret PFLICHTEN, die eine Seite der anderen abverlangt. Ja, richtig gelesen: Nicht nur der Lektor hat Pflichten, weil er für eine Dienstleistung bezahlt wird, auch der Autor bleibt davon nicht verschont.
Die Pflichten des Lektors sollten geläufig sein: Unterbreite deinem Kunden VORSCHLÄGE, was Stil, Handlungsführung, Personenzeichnung, Dramaturgie anbetrifft, versuche so gut es geht, die Individualität des Autors zu achten und unterlasse es, ihm deine eigenen Vorstellungen von Literatur und Schreiben aufzudrücken. Beschäftige dich mit Textlogik und sei dir nicht zu schade, auch einmal nachzuschlagen, ob ein Satz wie »Napoleon küsste Königin Victoria die Hand« historisch korrekt ist (nein) oder die Behauptung, Agatha Christie habe ihren Protagonisten Sherlock Holmes nach einem entfernten Bekannten benannt (ebenfalls nein). Du musst als Lektor kein Universalgelehrter sein, aber du solltest wissen, wo alles nachzuschlagen ist  …
Die Pflichten des Autors sind leider weniger bekannt. Ganz oben: Ein Lektorat ist zwar eine Dienstleistung, sie entbindet dich aber nicht von der Mitarbeit. Übernimm nicht alle Vorschläge des Lektors widerstandslos. Schau, ob sie wirklich deinen Vorstellungen entsprechen. Erwarte keine Wunderdinge von einem Lektor, neben den offensichtlichen und zweifellosen FEHLERN in deinem Text unterbreitet er dir lediglich Varianten, die er für besser hält als deine Formulierungen oder Handlungsabsichten. Es gibt kein »perfektes« Lektorat, sondern nur ein optimierendes. Und, nicht vergessen: Ein Lektorat ist immer auch ein Lernprozess. Beschäftige dich mit jedem Vorschlag, wenn du ihn akzeptierst, mache ihn dir beim nächsten Buch zu eigen.
Das Ideal eines Lektorats sieht folgendermaßen aus: Zwei Menschen beschäftigen sich mit einem Text. Sie diskutieren darüber, streiten gelegentlich, lernen, wägen ab. Am Ende haben sie ein Ergebnis, für das sich alle Mühe gelohnt hat. Noch idealer, als ein bereits komplett vorliegendes Manuskript zu lektorieren, ist nach meiner Erfahrung das WIP-Lektorat. WIP steht für Work in Progress und bezeichnet die Zusammenarbeit von Autor und Lektor schon während der Entstehung des Textes. Der Lerneffekt durch intensiven Austausch ist enorm und daher vor allem für weniger erfahrene Schreiber zu empfehlen. Denn auch das gehört zu den unangenehmen Tatsachen: Niemand wird zum makellosen Autor geboren, Schreiben sollte immer auch ein Lernprozess sein und das letzte Buch immer das beste – bis zum nächsten.
Wie auch immer: Lektoren sind keine Götter, aber auch keine unterwürfigen Hilfskräfte, die dem schläfrigen Autorengott beflissen das Manna vorkauen.

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3 Kommentare

  1. Neben dem (nicht) »perfekten«, aber »optimierendem« Lektorat ist meiner Einschätzung nach auch eine ganz und gar anders gestrickte Spielart denkbar, zumindest prinzipiell: das inverse Lektorat …

    Für den Autor erkennbar ist das Inverse eines solchen Lektorats spätestens daran, wenn plötzlich – nachdem so ziemlich alle seiner liebsten Lieblingsstellen des Manuskripts in Grund&Boden kritisiert worden waren – zwei oder drei andere Passagen aber auf unerwartetes und spürbar begeistertes Lob stoßen. Genau jene nämlich, die er eindeutig lediglich infolge einer vorübergehenden Uninspiriertheit und Schwächephase verfasst und dann tatsächlich auch nur mit diffusen Bauchschmerzen textlich überhaupt bestehen gelassen hatte.

    Ab hier weiß er: Die wirklich guten Stellen müssen unter diesen Gegebenheiten ordentlich Mecker kriegen, während ausdrücklich gelobte Abschnitte ganz offensichtlich einer radikalen Überarbeitung bedürfen 😉

    • @ Klaustrphbie: Alternativ könnte man sich auch einen Lektor suchen, dessen Ansichten mehr dem eigenem Verständnis von „gut“ und „schlecht“ entsprechen, was Textqualität angeht. Spart einem dass Umdenken 🙂

      Allgemein zum Thema: Einen guten Lektor oder eine gute Lektorin zu finden ist eine Sache (und schon nicht so leicht), eine/n zu finden, „mit dem man kann“ ist noch einmal eine andere. Umgekehrt denken sich Lektoren vermutlich dasselbe: das es gar nicht so einfach ist, Aufträge von Autoren zu kriegen, die zumindest die Grundlagen des Geschichtenerzählens schon mal irgendwo gehört haben, und im Idealfall auch anzuwenden versuchen. Und mit begründeter Kritik umgehen können ohne gleich eine veritable Krise zu bekommen. 🙂
      Und dann ist da noch das kleine Problem, dass alle kreativen Berufe haben: Ein objektives gut oder schlecht (sobald es über das rein technische hinausgeht) gibt es nicht. Der eine mag Deathmetal, der andere Schlagermusik. Bestenfalls kann man sagen, ob jemand sein Handwerk beherrscht, sprich singen kann oder sein Instrument spielen, aber dass jemand ein guter Gitarist ist, bedeutet nur, dass er gut Gitarre spielen kann, aber nicht automatisch, dass er gute Musik macht (oder das was der einzlene Hörer jeweils darunter versteht).
      Was ich sagen will: Zu den Pflichten des Autors wie auch des Lektors würde ich noch hinzuzählen, im Vorfeld abzuklären, ob sie dieselben Vorstellungen von einem „guten“ Text haben. Ein guter Lektor kann einem Autor zwar immer helfen, besser zu schreiben (was die technischen Seite angeht) aber ein Lektor, der Krimis prinzipiell doof findet, wird sich ziemlich schwer tun, jemand zu helfen einen guten Krimi (oder was auch immer) zu schreiben.

      • Stimmt schon. Aber wenn ich fürs Lektorieren meines »Manifest des Atheismus’ im dritten Jahrtausend« tatsächlich den Bischof von Rom gewinnen könnte – ich würde frohlocken 😉

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