Wie viel Kritik darf’s denn sein?

Kritik. Ein garstiges Wort. Dabei ist sie, wenn man das Wort und seine Entwicklung historisch analysiert, zunächst neutral. Jemand betrachtet sich einen Gegenstand oder eine Handlung von allen Seiten, begutachtet, bewertet, beurteilt. Heutzutage besitzt Kritik zumeist einen negativen Beigeschmack. Etwas kritisieren heißt etwas bemäkeln, Schwachpunkte formulieren. Wie soll man damit umgehen? Betrachten wir uns die Sache Punkt für Punkt.

1. Es gibt einen sicheren Weg, Kritik zu vermeiden. Man veröffentlicht einfach keine Texte.
2. Autorinnen und Autoren sind in der Regel nur begrenzt tolerant gegenüber Kritiken. Schließlich mag es eine Mutter nicht, wenn man an ihren Kindern etwas auszusetzen hat, selbst wenn sie im Stillen zugeben muss, der Kritiker habe so unrecht nicht. Ja, das gilt auch für mich.
3. Wer ein Buch veröffentlicht, steht voll im Wind. Sobald ich einen Text auf die interessierte Lesewelt loslasse, muss ich damit rechnen, verrissen zu werden. Es spielt keine Rolle, ob ich Stephen King oder Stefan König heiße, ob ich Profi bin oder Hobbyliterat, alt oder jung, mit einer wichtigen Botschaft ausgestattet oder dem alleinigen Wunsch, Menschen die Zeit zu vertreiben. Es gibt keinen Welpenschutz, keinen moralischen Bonus, keine ökonomische Entschuldigung (»Kostet doch nur 99 Cent!«), kein gar nichts, nur die unumstößliche Tatsache, dass Leser für meine Ergüsse Geld und Zeit geopfert haben und sich dadurch automatisch das Recht erwerben, ihre Meinung kundzutun.
4. Die erste Kritik sollte im stillen Kämmerlein stattfinden. Gib dein Buch, bevor du es veröffentlichst, jemanden zu lesen, der dir seine ehrliche Meinung sagt, einer Person allerdings auch, deren »literarische Rahmenbedingungen« du kennst. Wer mit Krimis nichts anfangen kann, wird sie nur schlecht beurteilen können, wer Sätze mit mehr als sieben Wörtern grauslig findet, wird jeden Satz kritisieren, der über zehn Wörter geht. Am besten sollte der erste kritische Leser ein Lektor / eine Lektorin sein, jemand also, der die Schwächen eines Buches nicht nur erkennt, sondern mit dir gemeinsam auch zu beheben vermag. Das kostet Geld, aber ist nun einmal so. Auch hier gilt: Vergewissere dich, dass die lektorierende Person zu dir und deinem Werk passt.
5. Jede Kritik ist zunächst hilfreich. Sei zunächst für jede Kritik dankbar. Jemand hat sich der Mühe unterzogen, deinen Text zu bewerten, er hat Hirnschmalz und Zeit dafür geopfert. Ob alles, was an Schwächen ermittelt wurde, auch zutrifft, ist eine andere Frage, der du dich nüchtern und ohne automatische Abwehrmechanismen widmen solltest. Ja, das ist schwer bei nur einem Amazonstern. Sofort wittert man Missgunst, einen perfiden Angriff auf das Allerheiligste, und ist dieser Typ, der mich da gerade ungespitzt in den Boden argumentiert, nicht selbst ein Autor und möchte nur die Konkurrenz aus dem Weg räumen? – Erst jüngst wollte eine Jungautorin via Chat wissen, was man von ihrem Plan, »ein Buch zu machen«, halte. Eine Autorin aus meiner »Fantasygirls«-Gruppe riet ihr nach Kenntnisnahme diverser Textproben dringend davon ab. Konsequenz: Die Fragestellerin blockierte sie. Ebenfalls vor Kurzem: Eine Autorin beklagt den weitgehenden Misserfolg ihres Erstlings, postet den Amazonlink – und wird in der Folge mehr als heftig kritisiert. Und zwar mit Begründungen. Konsequenz: Sofort tauchen erste »Trostposts« auf, »kümmer dich nicht drum«, »geh deinen Weg«, »lass die reden, die nörgeln halt gerne, sind eben Autoren«. Einen schlechteren Rat hätte man der Autorin nicht geben können.
6. Was ist Kritik überhaupt? Kritik ist »begründete Meinung«. Was interessiert es mich, wenn ein mir völlig Unbekannter mein Buch »einfach nur grottig« findet, dieses Verdikt jedoch nicht zu erklären vermag? Klare Antwort: Es interessiert mich überhaupt nicht. Niemand kann etwas damit anfangen, wenn Emma P. oder Horst S. etwas nicht mögen. Auch in Kritik steckt zunächst einmal eine Bringschuld, sie kann genauso missraten sein wie der Text, dem sie sich widmet. Eine Kritik ohne Argumentation und Beweisführung ist so wertvoll wie die lapidare Warnung, man solle keinen Glühwein trinken, er sei nämlich ungesund.
7. Wer kritisiert? Denn darauf kommt es an. Ich weiß ziemlich genau, dass ich eine bestimmte Art von Büchern nicht mag. Zum Beispiel Arztromane, in denen Herr Doktor seine verhuschte Arzthelferin bezirzt und sich die beiden am Ende natürlich »kriegen«. Sorry, ich gehöre einfach nicht zur Zielgruppe. Wenn jemand meinen Stil »komisch« findet, ihm die Sätze zu kompliziert sind und er den Handlungssträngen nicht zu folgen vermag, kann das daran liegen, dass meine Sätze wirklich missglückt sind und der Plot an allen Ecken und Enden knarzt. Es kann aber auch daran liegen, dass das Buch nicht zum Leser und der Leser nicht zum Buch passt. Als Kritiker sollte ich mich zunächst also selbst fragen, ob ich »objektiv« genug bin, meine Ansichten über ein Buch auf die Mitwelt loszulassen. Besitze ich überhaupt genügend Kenntnisse? Wenn ich ein Buch über Quantenphysik nicht verstehe, liegt es vielleicht nicht am Buch, sondern daran, dass ich knackiges Infotainment für Dummies erwartet habe und mich die wissenschaftliche Aufbereitung des Stoffes schlicht überfordert. Dann schweige ich lieber.
8. Jede Kritik kann selbst kritisiert werden. Der Kritiker steht nicht am Ende einer Argumentationskette, sondern muss immer damit rechnen, selbst ins Kreuzfeuer von Kritik zu geraten. Schließlich ist seine Kritik auch ein »veröffentlichter Text«, für den alles gilt, was etwa für einen Roman zutrifft. Ob man sich als Autor darauf einlassen sollte, muss jeder für sich selbst entscheiden. Aber legitim ist es, auch wenn es »keinen guten Eindruck« macht. Wenn jemand behauptet, ein Krimi müsse immer seine Fälle lösen und den Bösewicht seiner gerechten Strafe zuführen, gebe ich Kontra. Wenn jemand behauptet, in meinen Text tummelten sich »zahlreiche Rechtschreibfehler«, vermag allerdings keinen einzigen zu benennen und hat in seiner Kritik selbst erkennbare Probleme mit der deutschen Sprache, dann muss es erlaubt sein, darauf hinzuweisen. Ob ich das auch tue … eine andere Sache. Normalerweise nicht. Doch wer Kritik übt und erwartet, dass man sich damit auseinandersetzt, muss auch damit rechnen, dass ihm das Gleiche blüht …

Und das Fazit? Literatur kann ohne Kritik nicht funktionieren. Sie ist Teil der Kommunikation, unverzichtbare Stimulans des Prozesses kreativen Reifens und intellektueller Auseinandersetzung. Und weil sie so wichtig ist, sollte man an ihr ebenso arbeiten wie an einem guten literarischen Text.

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4 Kommentare

  1. Literatur ist, um zu funktionieren, angewiesen auf Kritik? Als so wesentlich und letztlich unverzichtbar für das Phänomen Literatur würde ich sie nicht deklarieren. Jedenfalls nicht pauschal und deshalb nicht als Kernaussage eines Fazits.

    Denn es ist doch so – und das wiederum kann man durchaus pauschal formulieren – dass Kritik ausschließlich dann zum Funktionieren der Literatur beitragen kann, wenn sie in der Lage ist, in konstruktiver Weise Einfluss zu nehmen. Diese beiden Kriterien aber, Fähigkeit zur Einflussnahme UND konstruktive Ausrichtung derselben, erfüllt Kritik nicht in jedem Fall. Und man kann wohl hinzufügen: Sie tut dies zunehmend selten.

  2. Dieter Paul Rudolph

    Ich sehe die Situation der „Literaturkritik“ – oder nennen wir sie besser Rezensionskultur – ähnlich kritisch. 90% dessen, was auf Blogs stattfindet, hat nichts mit Kritik zu tun, sondern ist Inhaltswiedergabe und pure Meinungsäußerung. Außerdem ist der Ton rauer geworden. Wenn ich höre, dass Autoren Blogger bedrohen, frage ich mich tatsächlich, wie sich die Szene in den letzten Jahren verändert hat. Ich habe das viele Jahre lang praktiziert, hab mich mit Autoren und Lesern gestritten, aber bedroht worden bin ich nie, schon gar nicht mit „rechtlichen Schritten“ nach negativen Besprechungen. Hier ist einiges aus dem Ruder gelaufen. Auf beiden Seiten scheint also vieles nicht mehr zu stimmen …

  3. Wahrscheinlich kommt man wirklich nicht umhin, einen Blick darauf zu werfen, wie sich die sogenannten sozialen Medien auf die Entwicklung der aktuellen »Kritikkultur« ausgewirkt haben. Dieses digitale Sprachrohr für Jedermann schließlich lässt neuerdings Menschen zu Wort kommen, und zwar mit globaler Reichweite, deren Stimme zuvor kaum jemals über den unmittelbaren Dunstkreis von Wohnung, Arbeitsplatz und Kneipe hinausreichte. Was Letzteres in vielen, vielen Fällen ein echter Segen war …

  4. Sabine Hennig-Vogel

    Mit „begründeten Meinungen“ kann ich was anfangen. Eine unbegründete Meinung kann jeder haben, habe ich ja auch. Manches gefällt mir eben, anderes nicht.
    Für hilfreiche Kritik bin ich immer dankbar, und „schlucke“ heute weit weniger daran als noch vor ein paar Jahren. Wie bei anderen Dingen auch – ich überschlafe es gern.

    Was die Rezensionskultur betrifft – ich glaube, das ist wie mit Populationen in der Natur. Sie schwanken. Ich gebe nichts auf Bestsellerlisten, ich lese keine Literaturblogs (oder selten und eher zufällig) und amüsiere mich, wenn im TV das literarische Quartett tagt.
    Wird überbewertet und sich auf ein gesundes Maß wieder zusammenschrumpfen.

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