Elsa Rieger: Bang Bang

rieger

Zwei alte Freundinnen gehen in die Kneipe, alte Dramen werden aufgewühlt.

Diese Kurzgeschichte, von der hier ein Auszug zu lesen ist, stammt aus dem Sammelband „Der letzte Rabe“. Infotext: Mit ein bisschen Mord und Totschlag und dem aktuellen Thema: Internetliebschaften. Erzählungen von Voodoozauber und Engeln, die die Menschen aufgeben, dem Teufel, dem die Hölle zu eng wird und einer tragischen Zukunftsperspektive.

Leseprobe:

Das ist ja vielleicht eine abgefuckte Kneipe, in die Crazy mich geschleppt hat. Die fahren dort voll auf die Oldies aus den Siebzigern ab. Der Tresen kurz vor dem Zusammenbrechen. Wir halten die Biergläser fest, würden sonst glatt runterrutschen.

»Ist der coolste Lesbentreff in town«, brüllt Nina. Crazy nennt sie sich erst seit dem Unglück. »Ist doch voll toll, ne?« Ihre grünen Augen strahlen. Mit der typischen Bewegung, den Kopf fast bis zum Boden gesenkt, wirft sie ihre hennaroten Dreads auf den Rücken.

»Prost«, schreit sie in die Runde. Die Frauen rundum senken die Blicke. Jimi Hendrix mit seiner Experience dröhnt aus den Boxen an der Decke.

»Was machen wir hier eigentlich?«, frage ich.

»Hä?«

Ich lege den Mund an ihr Ohr.

»Finale!« Crazy wischt den Schaum vom Mund.

Das Bier ist lauwarm. An der Ziegelwand hinter dem Tresen klebt in silbernen Lettern: Die Rock-Weiber. Hendrix’ Foxy Lady läuft.

»Los, schwing deinen Luxuskörper.« Crazy zerrt mich zur Tanzfläche. Nach einer Stunde extremen Headbangings gehen wir erhitzt vor die Tür.

Sie grinst mich an.

»Traurig, dass du lieber mit Männern rummachst, Baby.« Seit dreißig Jahren nennt sie mich so.

Wir waren Nachbarskinder, ich drei Jahre jünger, und sie beschützte mich. Haute ihre Schaufel jedem auf den Kopf, der mir die Sandformen oder den Eimer wegnehmen wollte. Später in der Schule und während der Pubertät war sie meine Löwenmutter.

Wir verloren uns erst am Tag des Unglücks aus den Augen. Es dauerte zwei Jahre, bis sie wieder Kontakt mit der Welt und mit mir aufnahm. Und dann behauptete sie, in Wahrheit sei sie Lesbe. Ich schnallte aber gleich, dass sie damit nur den Männern den Krieg erklärte. Schließlich kann man nicht einfach so lesbisch werden.

»Doch, Baby, man kann so vieles«, hatte sie mich angeschnauzt.

»Muss was trinken«, sagt Crazy und schiebt mich zurück ins Die Rock-Weiber. Sie säuft. Man sieht es ihr mittlerweile auch an. Der Alkohol schwemmt sie auf.

»Wie wär’s mit Therapie?«, fragte ich ab und zu.

Wenn sie schlecht drauf war, schrie sie, »Lass mich mit dem Psychoscheiß in Ruh!«

Als ich sie eines Abends wieder darauf ansprach, schluchzte Crazy leise, »Herzbruch, verstehst du? Irreparabel, verdammt.« Dann knallte sie meine Wohnungstür zu. Ich hörte sie nebenan heulen; wir waren wieder Nachbarn.

Ich sagte nichts mehr.

Crazy kippt das dritte Bier, bestellt Southern Comfort.

»Damit hat sich Janis Joplin tot gesoffen, na denn!«, sagt sie und zündet das Getränk mit dem Zippo an. Weiche, blaue Flamme. Als sie erlischt, trinkt Crazy gierig. Leckt die Lippen ab.

»Bourbon und Pfirsichlikör – es gibt nichts Besseres.«

Plötzlich fliegt sie in meine Arme, irgendeine hat sie gestoßen. Mit einem Schrei schnellt Crazy herum, packt sie an der Kehle.

»Bist du bekloppt! Leg dich ja nicht mit mir an.«

Sie schlägt die Stirn gegen die der Frau. Wieder und wieder. Ich zerre sie an der Taille, die Leute schreien, »Lass gut sein, Crazy!«

Aber sie macht weiter, bis die andere wegsackt. Sie wirft einen triumphierenden Blick in die Runde, ihre Stirn blutet. »Nicht mit mir!« Dann bestellt sie noch einen Southern Comfort.

Ein paar Gäste helfen der Frau auf die Beine. Sie zieht heulend ab.

»Mensch, Crazy, das war echt nicht nötig«, sage ich und wische das Blut mit Klopapier von ihrer kleinen Platzwunde.

Sie blickt mich von oben herab an, »Hast du eine Ahnung, was alles nötig ist, Baby.«

Sie trinkt, zahlt. »Let’s go!«

Auf der Straße breitet Crazy die Arme aus.

»Was für ein herrlicher Abend! So was sollte ich mir öfter mal gönnen.«

»Jemanden zusammenschlagen?«

Sie nickt, läuft ein Stück voraus, legt den Kopf in den Nacken und jault den Mond an. Als ich sie eingeholt habe, grinst sie.

»Mach du auch mal, Baby!«

»Lass uns heimgehen, ich kann das nicht.«

»Fick dich!«

Aber sie geht mit.

Crazy hatte keine Beziehung. In kürzester Zeit trat sie alles kaputt. Eigentlich wollte sie mich. Nach einem Versuch miteinander habe ich das Handtuch geworfen, ich brachte es einfach nicht. Ab da küssten wir uns freundschaftlich und jede ging in die eigene Wohnung. Unsere Betten standen an einer Wand; diejenige, die das Licht zuerst abdrehte, klopfte einen Rhythmus dagegen. Die andere antwortete.

Heute bin ich erledigt und klopfe zuerst. Warte. Hämmere. Keine Antwort. Ich rufe sie an, höre drüben ihr Telefon klingeln, sie nimmt nicht ab. Ich krame Crazys Reserveschlüssel aus dem Schreibtisch. Hauslatschen an und rüber. Sie sitzt am Küchentisch. Die Wimperntusche rinnt in zwei Streifen über ihre Wangen, sie hat den Lauf einer Pistole in den Mund gesteckt.

Mich trifft fast der Schlag.

»Crazy«, sage ich, »ich liebe dich.«

»Das Kind ist in den Teich gefallen«, nuschelt sie, Tränen tropfen ihr in den Ausschnitt.

»Es ist sieben Jahre her, Nina, du konntest nichts dafür. Ein Unfall …«

Sie reißt den Lauf aus dem Mund, fuchtelt herum.

»Nur weil das Arschloch mir unbedingt in seiner Mittagspause an die Wäsche wollte! Scheißkerle!« Crazy zittert so, dass ihr Schenkel gegen das Tischbein schlägt.

Genre: Krimi, Kurzgeschichten

Status: veröffentlicht

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7 Kommentare

  1. Dieter Paul Rudolph

    Passt. An diesem Text kann man studieren, wie wichtig »der Sound« ist, der als Stil durch eine Geschichte strömt. Zwei ältere Frauen, Freundinnen seit langer Zeit, in einer Kneipe, die als Zeitmaschine fungiert und ihre Gäste zurück in die seligen Tage der Jugend befördert. Hendrix, Janis … Kurze, oft lakonische Sätze, einzelne Formulierungen, denen man das Künstliche der Situation anmerkt. »Los, schwing deinen Luxuskörper.« zum Beispiel, sofort ahnt man die Tragik hinter dem Sprung zurück in bessere Zeiten. Das ändert sich gegen Ende, die Sprache wird nüchtern-erzählender, die Geschichte selbst endlich ehrlich-tragisch. Zwei einsame Menschen, Wand an Wand, und dann sitzt die eine am Küchentisch und will sich das Hirn aus der Schale blasen. Etwas hat sie überwältigt, ein entsetzliches Trauma. Das Lockere der Kneipenstimmung mit seiner abrupten Aggressivität ist verschwunden, stilistisch setzt sich alles, wird erbarmungslos nüchtern.
    Als Lektor hätte man hier, was den Stil betrifft, nur die Funktion, mögliche Kleinigkeiten zu korrigieren. Die Hauptarbeit läge wohl auf der »Überwachung« der Dramaturgie, aber keine Ahnung, wie umfassend sie wäre, Kurzgeschichten haben ihr eigenen Gesetze. Die Stelle, die ich mir genauer anschauen würde, ist die des Übergangs Kneipe – Wohnung. »Crazy hatte keine Beziehung. In kürzester Zeit trat sie alles kaputt.« Das ist vielleicht zu plakativ, aber eben: Kurzgeschichte. Dort dürfen solche Sätze wie Monumente stehen. Jedenfalls ein überzeugender Text.

  2. Sabine Hennig-Vogel

    Zweifellos hat dieser Text Charakter, klammert sich an den Leser. Lässt nicht los.

    Aber immer, wenn ich einen Satz oder Absatz mehrmals lesen muss – schmälert das mein Lesevergnügen.
    Beispiel: „Der Tresen kurz vor dem Zusammenbrechen. Wir halten die Biergläser fest, würden sonst glatt runterrutschen.“ Vielleicht bin ich zu wenig Kneipengänger, aber da bleiben bei mir offene Fragen. Wird auf dem Tresen getanzt? Oder ist er glitschig weil nass oder schlecht geputzt? Wer rutscht runter? Die Frauen oder die Biergläser?

    Kleinigkeiten? SIcher. Aber sie verhindern, dass ich ein Bild im Kopf habe.

    Dennoch würde ich gern wissen, wie es mit den beiden weiter geht.

  3. Elsa Rieger

    Vielen Dank für die gütigen Feedbacks, die mich sehr freuen!
    @dpr: wow und sehr beruhigend.
    @Sabine Hennig-Vogel: Tut mir leid, wenn es unklar ist, ich dachte, es ist nachvollziehbar, da die festgehaltenen Biergläser im Satz stehen und sich das Runterrutschen auf die beziehen muss.

  4. Ja. Eine Kurzgeschichte. Ich bin allerdings hin- und hergerissen, weil die Geschichte keinen richtigen Anfang und kein richtiges Ende hat, sondern irgendwo mittendrin beginnt und endet. Sie besteht aus Schlag-Lichtern. Die Verletzlichkeit und die Verletzungen sind greifbar, plastisch, wirklich gut in Szene gesetzt. Aber am Ende bleibt beim Leser das Gefühl, zwei Szenen eines längeren Textes gelesen zu haben. Die Geschichte ist, wie die beiden Protagonisten, mitten aus dem Leben gerissen. Wenn das die Absicht war, dann ist sie gelungen.

  5. Elsa Rieger

    Hallo Ryek Darkener!
    Vielen Dank für den Kommentar, der mich besonders freut, denn:
    „weil die Geschichte keinen richtigen Anfang und kein richtiges Ende hat, sondern irgendwo mittendrin beginnt und endet.“

    Das ist korrekt. Ich übe mich in der klassischen Disziplin der „American Short Stories“. Eines der genialen Vorbilder ist Raymond Carver. Rein in die Szene, raus aus der Szene. Kaum etwas wird zu Ende erzählt, der Leser darf sich das Rundherum nach Belieben vorstellen. So ungefähr jedenfalls.
    Dem Feedback nach zu schließen, ist mir das hier gelungen. Danke!

  6. Ja, da ist Zug drin. Der Leser wird mitgenommen, bekommt Lust, Partei zu ergreifen.

    Anregung zum formalen Aufbau: Ich würde erwägen, den Rückblend-Zitaten die Tüttelchen wegzunehmen. Beispiel:

    Ich schnallte aber gleich, dass sie damit nur den Männern den Krieg erklärte. Schließlich kann man nicht einfach so lesbisch werden.
    Doch, Baby, man kann so vieles, hatte sie mich angeschnauzt.

    • Elsa Rieger

      Vielen Dank, und ja, das könnte ich tun, stimmt!

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