Spannung! Ein Workshop

Bevor Sie sich an Ihren Text machen, sollten Sie eine Entscheidung bereits gefällt haben. Die nämlich, für Leser zu schreiben. Hört sich trivial und selbstverständlich an, ist es aber nicht. Vor allem Autorinnen und Autoren, für die Schreiben ein »Hobby« ist, Selbstverwirkung oder der Drang, eine bestimmte Geschichte aus tiefster Seele herauszuschreiben, verfassen einen Text vor allem für sich selbst. Dagegen ist nichts einzuwenden. Nur ist die naheliegende Schlussfolgerung »Wenn es mir gefällt, wird es auch den Lesern gefallen« eher trügerisch. Vielleicht haben Sie Glück und es ist wirklich so. Glückwunsch.

In den meisten Fällen jedoch steckt dann in Ihrem Buch zu wenig von jenem Mechanismus, der mit ausgefeilten Techniken arbeitet, die Leser in einen Text hineinzuziehen. Diese Techniken sind sowohl erzählökonomischer als auch dramaturgischer Natur, es ist beileibe nicht damit getan, eine überzeugende, »spannende« erste Seite zu basteln. Es sind nach meiner Erfahrung drei Aspekte, die man einfach wissen sollte, wenn man explizit »auch« für Leser oder gar »überwiegend« für Leser schreiben möchte:

1. Der Autor hat stets einen Wissensvorsprung vor dem Leser.
2. Auch wenn Sie keinen Krimi schreiben, muss Ihr Text spannend sein.
3. Die Geschichte muss zur Geschichte des Lesers werden.

Diese drei Dinge gehören eng zusammen und bedingen einander. Der erste Punkt formuliert eine schlichte Tatsache. In der Regel haben Sie bereits vor dem ersten geschriebenen Satz eine ungefähre Vorstellung davon, wie sich die Geschichte entwickelt und wie sie endet. Das Personal steht fest, seine Charakterzüge, seine Verhaltensweisen. Wenn A etwas Überraschendes tut, ist Ihnen der große Zusammenhang klar, dem Leser indessen nicht. Gewisse Nebenhandlungen sind vielleicht für die Entwicklung des Haupterzählstrangs wichtig – aber das erfährt man erst 50 Seiten später.
Die fatalste Möglichkeit, diesen Wissensvorsprung zu egalisieren, habe ich kürzlich erst vorstellt, das sogenannte Info-Dumping, den krampfhaften Versuch, die Leser möglichst »zeitnah« über alle Details ins Bild zu setzen, eine Strategie, die zulasten des Erzähltempos und nicht selten auch der Erzählstruktur geht. Viel besser ist es, aus der Not des Wissensvorsprungs eine dramaturgische Tugend zu machen. Verwandeln Sie den Umstand, dass sich der Leser erst nach und nach orientieren kann, in … Spannung. Spannung entsteht aus Ungewissheit. Ungewissheit regt die Phantasie an, sie wirkt also emotional und bindet Leser an einen Text. Was Sie unbedingt beachten sollten: JEDER Text sollte spannend sein. Und: Spannung hat nichts mit übertriebenem Aktionismus zu tun. Sondern schlicht und ergreifend damit, wie Sie dem Leser Informationen vorenthalten und warum. Das Wichtigste an einem Text sind die Sätze, die Sie NICHT schreiben, sondern die der Leser hinzufügt.
Einem Text Spannung einzuhauchen, ist mithin die Königsdisziplin des Schreibens. Gelingt es Ihnen nämlich nicht, dann ist Ihr Text wahlweise langweilig oder verwirrend oder beides. Ein Krimi besitzt die Möglichkeit, Spannung durch Aktionismus zu erzeugen – und leider wird dieses Mittel allzu grob und beliebig eingesetzt. Es beginnt hoch dramatisch mit einem Mord, einer bedrohlichen Situation, einer Verfolgungsjagd – die eigentliche Geschichte dient nur zur Überbrückung solcher »Spannungsgaranten«.
Über das für und Wider solcher Strategien soll hier nicht gestritten werden. Viel interessanter wird es, wenn wir die Spannungsmöglichkeiten eines Textes ausloten, der naturgemäß nicht zu Aktionismus neigt. Zeigen wir es Schritt für Schritt an einer Kurzgeschichte.

Die Idee: Zwei Menschen, Mann und Frau, beide schon etwas älter, sitzen zufällig zur selben Zeit auf einer Bank in einem Park. Sie kommen ins Gespräch. Es stellt sich heraus, dass beide einsam sind, verwitwet beziehungsweise geschieden, sie haben, da sie im selben Hochhaus wohnen, keinen Kontakt zu ihren Nachbarn. Nach wenigen Minuten beginnt es zu regnen. Sie verabschieden sich voneinander und gehen in verschiedene Richtungen davon.
Eine alltägliche Situation und alles andere als nervenaufreibend. Schauen wir  kurz, welche »Botschaft« der Text transportieren könnte. Ganz klar: Zwei einsame Menschen treffen sich, sie leben im selben Hochhaus, ohne sich dort je begegnet zu sein. Es gibt drei Möglichkeiten, diese Information zu verarbeiten. Die erste und mit Abstand schlechteste: Wir lassen es die Leser sofort wissen. Genau damit haben wir das Pfund verschenkt, mit dem wir wuchern können. Die zweite Möglichkeit: Wir sparen uns dieses Faktum als Pointe auf. Im letzten Satz könnten wir dem Leser offenbaren, dass zuerst die Frau das Haus betritt, zum 4. Stock hochfährt, zwei Minuten später der Mann, der im 5. wohnt. Hübsch. Aber eine Pointe zeichnet sich dadurch aus, dass sie als Überraschung kommt, wir können sie also nicht als Spannungselement einsetzen.
Frage: Wie gelingt es uns, den auktorialen Wissensvorsprung durch einen Spannungsbogen so mit der Geschichte zu verknüpfen, dass sie den Leser fordert und enger an den Text bindet? Sie haben ein paar Tage Zeit, sich darüber Gedanken zu machen und die Blogleser daran teilhaben zu lassen …

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4 Kommentare

  1. Hm, ehrlich gesagt, für mich ist die Pointe nicht, dass sie im selben Haus wohnen, sondern dass sie sich als Kinder schon kannten und jahrelang unbemerkt im selben Hochhaus gewohnt haben. Das würde ich langsam über den Dialog aufbauen, aber immer so, dass die Leser (und die Protagonisten) zwar irgendetwas ahnen, aber nicht wissen.
    Und dann schauen wir mal:
    Es regnet, sie trennen sich.
    Die Frau steht im Fahrstuhl, denkt über die Begegnung nach, als der Mann ebenfalls den Fahrstuhl betritt. Die beiden stellen überrascht und erfreut fest, dass sie im selben Haus wohnen. Er fährt ungefähr 10 Stockwerke zu weit, um mit ihr zu sprechen (schon gut, das ist aus Harry und Sally geklaut, ich glaube, die ganze Idee ist aus Harry und Sally geklaut, aber egal 😉 ). Er lädt sie etwas schüchtern für den nächsten Tag auf eine Tasse Tee ein. Sie sagt zu, steigt in ihrem Stockwerk aus. Dann fällt ihr ein, dass sie seinen Namen gar nicht weiß und fragt nach, wo sie denn klingeln soll. Kurz bevor sich der Fahrstuhl schließt, nennt er ihr seinen Namen (muss natürlich ein eher seltener Name sein). Und in dem Moment wird ihr klar, dass es sich um ihren Jugendfreund handelt, den sie seit 50 Jahren nicht gesehen hat. (Und ich denke, er hat es die ganze Zeit schon gewusst, aber da bin ich jetzt nicht ganz sicher.)
    Ich weiß, das war jetzt nicht ganz die Aufgabe, damit bin ich wahrscheinlich disqualifiziert 😉 , aber es ist mir gerade spontan so eingefallen.

  2. »Was’n Wetter.« Der Mann hob seinen Hut. »Darf ich?« Er deutete auf den Platz neben der Frau auf der Parkbank.
    Sie nickte und rutschte ein Stück. Er nahm Platz.
    »Noch schlimmer als gestern. Und morgen soll’s …« Ihre Stimme erstarb.
    »Ja, habe ich auch im Radio …« Seine Stimme erstarb.
    Eine Weile saßen sie stumm nebeneinander.
    »Komme vom Friedhof«, sagte er. »Alle Blumen erfroren.«
    »Ja, bei mir ebenfalls«, sagte sie. »Dabei habe ich ihm so hübsche Astern …«
    »Astern.« Er nickte beifällig. »Gute Wahl. Sie mag die auch.«
    Sie schwiegen eine Weile.
    »Geht mit Riesenschritten auf Weihnachten zu«, sagte er.
    »Daran liegt mir nichts«, sagte sie schroff.
    »Mir auch nicht.« Er sah sie erstaunt an. »Wollte nur sagen …« Er rückte ein Stück von ihr ab.
    »»Entschuldigung«, sagte sie. »Ist wegen der Sache damals.«
    »Sie meinen damit Ihren Mann?«, fragte er.
    »Nein, er war da schon sieben Jahre tot.« Sie räusperte sich. »Die andere Sache.«
    »Mit einem Mann?«, fragte er.
    Sie zuckte zusammen.
    »Entschuldigung, das geht mich nichts an«, brummelte er.
    »Ich habe ihn im Internet kennengelernt«, sagte sie. »Vor fünf Jahren.«
    »So ein Zufall«, sagte er. »Ich auch. Ich meine, natürlich keinen Mann, sondern …«
    Sie lachte leise, er stimmte mit ein.
    »Schon klar«, sagte sie. »Und was ging schief?«
    »Wie kommen Sie darauf, dass es schief ging?«
    »Weil es bei mir schief ging.« Ihr Stimme klang auf einmal brüchig. »Er kam einfach nicht.«
    »Das ist echt ein Ding«, sagte er. »Sie kam bei mir auch nicht.«
    »Wir waren verabredet, in Münster. Ich habe den ganzen Tag auf ihn gewartet. Danach habe ich alle Emails von ihm gelöscht und ihn blockiert.«
    »Ich wartete auch den ganzen Tag. In München. Vergebens. Ich rief sie dann auf ihrem Handy an. Aber sie ging nicht ran.«
    »Mein Handy lag zuhause. Fünfundzwanzig Anrufe in Abwesenheit. Aber ich kam mir so blöd vor, ich habe dann die Sim-Karte zerstört.«
    »Sie hat nicht einmal zurückgerufen. Das war ihr wohl alles nicht wichtig. Ich habe nie mehr etwas von ihr gehört.«
    »Manchmal denke ich, wir haben uns irgendwie verpasst.«
    »Im Nachhinein frage ich mich, ob ich am falschen Bahnhof war? Vielleicht sogar in der falschen Stadt?«
    »Er hatte anfangs München vorgeschlagen, aber mein verstorbener Mann stammt da her.«
    »Sie wollte lieber nach Münster, hat dann aber doch für München zugesagt.«
    »Ich hatte nicht einmal ein Foto von ihm. Er sagte, wir werden uns schon erkennen.«
    »Ich wusste nicht einmal, wie sie aussieht. Sie sagte, der Charakter muss stimmen.«
    »Vielleicht war er da und fand mich hässlich?«
    »Vermutlich habe ich ihr nicht gefallen?«
    »Ich denke heute noch an ihn. Jeden Tag.«
    »Ich kann sie einfach nicht vergessen. Keinen Tag.«
    »Dass man sich so verpasst, ich begreife es nicht.«
    »Es sollte wohl nicht sein, sonst hätten wir uns gefunden.«
    »Seitdem lasse ich niemanden mehr an mich ran.«
    »Mit dem Thema habe ich seitdem abgeschlossen.«
    Sie schwiegen lange. Ein sanfter Regen setzte ein, der die beiden fast zärtlich umschloss.
    »Danke fürs Zuhören.« Sie spannte ihren Schirm auf und verschwand dahinter.
    »Ich danke Ihnen auch.« Er erhob sich und lupfte seinen Hut. Mit langen Schritten stapfte er zum riesigen Wohnblock zurück. Zwei Zimmer, Küche, Bad. Fünfter Stock. Scheißanonymität. Aber irgendwie auch gut, dass einen keiner wahrnahm.
    Sie saß noch eine Weile auf der Bank. Dann ging sie zum Wohnblock zurück. Zwei Zimmer, Küche, Bad. Vierter Stock. Anonymer Wohnklotz. Aber irgendwie auch gut, dass man darin verschwand.

  3. Gerda Greschke-Begemann

    Der Hund hatte sein Geschäft unter den Sträuchern erledigt, kam eifrig zu ihr zurück und trabte zum Hauptweg des kleinen Parks. Weil sie keine Eile hatte, folgte sie ihm gutmütig. Wenigstens der kleine Jacky sollte Freude am Leben haben, auch wenn ihr selber alle Lebensfreude fremd geworden war seit Johannes‘ Tod vor vier Jahren. Sie war nur froh darüber, die bequemen Schuhe für den Spaziergang gewählt zu haben und dass ihre Füße heute nicht schmerzten. Obwohl der Himmel nach Regen aussah, ließ sie sich von ihrem Hund die Allee hinunterführen, weg von den hohen Wohnblöcken ihres Viertels.
    Morgen würde sie wieder auf den Friedhof gehen und die Blumen auf dem Grab austauschen. Sie seufzte tief und erschrak gleichzeitig, weil sie merkte, dass die Hose unter ihrer langen Jacke zu rutschen begann. „Verflixt“, dachte sie, „der Hosenknopf ist abgerissen!“
    Bis zur Bank drüben würde sie es schaffen, hoffte sie, egal, ob die schon besetzt war.
    Während sie sich neben einem Mann in etwa ihrem Alter niederließ, grüßte sie etwas verlegen und gab sich den Anschein, auf ihren Hund zu warten, der auf dem weiten Rasen vor ihnen herumschnüffelte.
    „Ich freue mich immer, den Hunden zuzusehen“, sagte der Mann neben ihr und sie wandte sich ihm zu. Was sie sah, gefiel ihr recht gut. Ein schlankes Gesicht mit dunklen Augen hinter einer grauen Brille, silbergrau wie sein welliges Haar. Er nahm die Hände aus den Jackentaschen und stellte sich vor. „Ich bin Manfred Bauer, Rentner.“ „Eleonore Hanisch …“ Sie hatte die ausgestreckte Hand gegriffen, doch ihr Blick senkte sich überrascht hinunter zu dieser Hand, die sich anfühlte, wie die von Johannes damals. Manfred bemerkte die Reaktion und schaute sie fragend an.
    „Es ist nur – Entschuldigung, alles in Ordnung!“, sagte sie schnell, „es ist nur, dass Ihr Händedruck mich an jemanden erinnert hat. Und zwar an meinen Mann, aber der ist längst verstorben.“
    Die Situation war ihr peinlich, doch sie konnte jetzt nicht einfach aufstehen und weggehen. Sie musste doch erst diese vermaledeite Hose richten, und unhöflich wollte sie auch nicht wirken. Manfred Bauer bemerkte ihr Unbehagen und lächelte sie an, um ihr darüber hinweg zu helfen.
    „Ich bin doch ebenfalls verwitwet, auch ich kenne auch diese Momente, wenn das Gehirn uns vorgaukelt, das Verlorene wiederzuerkennen… Wie lange leben Sie schon allein?“, lenkte er das Gespräch in ruhigeres Fahrwasser.
    Eleonore antwortete im passenden Plauderton. Nach einigen Minuten unterbrach sie das Gespräch.
    „Jacky hasst Regen, wir müssen leider zurück.“
    Sie deutete auf den Hund, der zu ihr auf die Bank gehüpft war. Manfred Bauer schaute zum Himmel, rückte seinen blauen Schal zurecht und sagte: „Jacky hat ja so recht! Ich muss mich beeilen. Übrigens bin ich am frühen Nachmittag oft hier im Park. Anstatt eines Mittagsschlafes.“
    Er grinste sie an und reichte zum Abschied nochmals die Hand. Sie wartete, bis er von der Allee in einen Nebenweg abgebogen war, zupfte ihre Kleidung zurecht und versenkte die Hände in den Hosentaschen, um das Herabrutschen zu verhindern. Eilig strebte sie quer über den Rasen zu der Lücke in der Hecke, die zum unteren Ende des Parkplatzes ihres Wohnblockes führte. Als sie endlich im Trockenen war und den Knopf für den Lift gedrückt hatte, öffnete sich die vordere Haustür. „Nehmen Sie mich noch mit?“, hörte sie Manfreds Stimme, „ich muss in den zehnten Stock. Und Sie?“

  4. Dieter Paul Rudolph

    ein allgemeiner Hinweis: Die Kommentare werden moderiert, das heißt, ich muss sie erst freischalten. Das kann schon mal etwas dauern …

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