Antonia C. Wesseling: Das Leben in Lightversion. Kurzgeschichten über Essstörungen

lightWie viel wiegt das Leben? Was passiert, wenn die Waage ausschlägt und der seelische Müll zu schwer wird?

Liebe soll durch den Magen gehen aber was, wenn sich Selbstliebe auf diesem Weg verliert? Geht es bei Magersucht und Bulimie „nur“ um das Gewicht oder um noch viel mehr?

Wieso rutschen immer mehr Jugendliche in die Krankheit hinein und wie kann man es schaffen, sie zu überwinden?
Fantastische Kurzerzählungen, dramatische Alltagsberichte oder Gedankenzüge: Sieben Geschichten zeigen die Schatten von Essstörungen und spenden in ihrer Düsternis Licht.

Leseprobe:

Vom Kämpfen und Glauben

Ich werde auf einer Liege wach und habe keine Ahnung, wie ich hierhergekommen bin. Meine Mama hat mir einmal eine Geschichte von damals erzählt. Sie sei nach einer langen Nacht ohne jegliche Erinnerungen im Krankenhaus gelandet.
Anders als meine Mutter habe ich jedoch nicht einen Schluck Alkohol in mir. Ich würde mich niemals betrinken. Es gibt für mich nichts Schlimmeres als Kontrollverlust. Und eigentlich beginnt genau dort alles. Nicht bei meiner Mutter und dem Alkohol…, sondern bei dem Gefühl, dass ich nicht ertrage, wenn irgendetwas nicht nach Plan läuft.
Und dieser Moment, in dem ich die Augen aufschlage und um mich herum nur weiße Wände sehe, gehört nicht zu den Dingen, die ich seit Wochen genauestens studiert und in meinem Terminkalender dick und fett markiert habe.
Aber trotzdem weiß ich, WIESO ich in der Notfallklinik gelandet bin. Es ist wegen der Stimme in mir. Im Internet wird Magersucht als ein personifiziertes Mädchen namens Ana verherrlicht. Die Jahre, in denen diese Krankheit und ich Freunde wurden, liegen lange zurück. Aber ich glaube, das hat Ana noch nicht ganz verstanden.
Ich erinnere mich noch genau daran, als sie sich mir vorstellte. Ich las auf einem Blog einen ihrer Briefe. »Mein Name ist Anorexie. Mein vollständiger Name oder wie ich von sogenannten Ärzten genannt werde, ist Anorexia nervosa, aber du darfst mich Ana nennen. Ich hoffe, wir werden gute Freunde.«
Wie ich schon gesagt habe, wurden wir Freunde. So eng, dass uns niemand voneinander trennen konnte. Nicht einmal meine Vernunft.
In meinem Kopf dröhnt es. Ich fühle mich so unglaublich schwach und leer.
Einhundertundacht, schallt es in meinem Gehirn. Einhundertundneun. Ich bin total durch den Wind. Nicht mehr bei Sinnen. Warum sonst habe ich vergessen, wie viele Kalorien mein typisches Frühstück, ein Müsliriegel von der Hausmarke unseres Supermarktes, besitzt?
Mehr habe ich heute noch nicht zu mir genommen. Noch nicht. Meine Wimpern flattern auf den Lidern wie übermütige Schmetterlinge und ich nehme aus der Entfernung eine Gestalt im weißen Ärztekittel wahr.
»Hau ab!«, würde ich am liebsten rufen. »Ich kann auf mich selbst aufpassen.«
Ich weiß nicht, ob es Ana ist oder ich selber, also mein altes »Ich«.
Ich habe längst aufgehört zu versuchen, einen Unterschied zwischen uns beiden zu machen. Die Krankheit hat sich in mir eingenistet. Sie verfolgt mich. Früher habe ich immer gedacht, dass es bei Magersüchtigen nur darum ginge, besonders dünn zu sein.
Mittlerweile weiß ich, dass diese Art der Essstörung nicht in dem Augenblick beginnt, in dem Konfektionsgröße 34 auf den Hüften rutscht oder man einen bestimmten Body Mass Index erreicht hat. Magersucht beginnt in dem Augenblick, in dem Essen anfängt, das eigene Leben zu bestimmen. Es geht um mehr als die Figur. Irgendwann nimmt das Essen Einfluss auf die Laune. Meine Laune Einfluss auf das Essen und jedes Wort, das ein anderer zu mir sagt, kann mich wieder in den dunklen Tunnel aus Depressionen ziehen.
»Charly.« Meine Mutter hat kalte Hände. Normalerweise sind es meine Finger, die sich anfühlen, als hätte man einen Spaziergang durch die Antarktis gemacht. Mangelernährung. Zumindest bei mir. Mamas Hände sind kalt vor Sorge. Ich schlage die Augen auf, aber es fällt mir so schwer sie anzusehen. »Es tut mir leid«, würde ich am liebsten sagen, aber ich weiß, dass ich diese Worte schon viel zu oft in den Mund genommen habe. Irgendwann muss man aufhören, sich zu entschuldigen, denke ich. Irgendwann muss man HANDELN.
Aber ich bin zu schwach. Körperlich schwach und geistig auch.
»Was machst du nur für Sachen?« Tränen fließen Mamas Wange hinunter. Sie sieht aus wie ein Kind, so zerbrechlich und klein. Wahrscheinlich hat sie die letzte Nacht wieder nicht geschlafen.
»Ich erinnere mich nicht«, murmele ich und schlucke. Mein Hals brennt.
»Charly, versprich mir, dass du aufhörst, wenn du hier rauskommst.«
Ich antworte Mama nicht. Manchmal sagt sie Dinge, die ich nicht verstehen kann. Was will sie denn hören? Natürlich kann ich es ihr versprechen. Aber ich werde es nicht halten können.
»Mama«, setze ich an. »Wann darf ich nach Hause?«
Meine Mama fährt mit der Hand über mein Haar. »Du bleibst erst mal ein paar Tage hier. Bis du wieder gestärkt bist.«
Gestärkt? Das hat sie nicht so gemeint, oder? In meinem Kopf rattert es.
Sie wollen dich mästen, brüllt Ana mir zu.
»Halt die Klappe«, sage ich.
Mama sieht mich irritiert an. Dabei waren die Worte doch nicht an sie gerichtet.
»Ich will nach Hause. Zu Mona und Paul.«
Bevor ich angefangen habe, mich zurückzuziehen, sind die beiden meine besten Freunde gewesen. Unzertrennlich wir drei. Aber Ana hat keine Freundin neben sich akzeptiert.
»Sie werden dich besuchen kommen. Nächste Woche hat Paul sicherlich noch mehr Zeit. Dann sind ja Ferien.«

die Autorin: Antonia C. Wesseling ist 17 Jahre alt, der vorliegende Band mit Kurzgeschichten ist nicht ihre erste Veröffentlichung. Zwei ihrer Romane sind im Rahmen des Projekts Fantasygirls erschienen, „Die Schablone. Ein stiller Thriller“ und „Die Nachtsänger“, ein Jugendroman zwischen Wirklichkeit und Fantasy. Die vorliegenden Geschichten über Essstörungen sind eine Art Vorarbeiten zu einem Roman über das Thema, der in Kürze erscheinen soll.

Genre: Jugendliteratur, Autobiografie

Status: veröffentlicht

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5 Kommentare

  1. Dieter Paul Rudolph

    Ich möchte mich hier ausnahmsweise zurückhalten, denn ich bin befangen. Die Autorin gehört zu dem von mir betreuten Projekt Fantasygirls und hat dort inzwischen zwei Bücher veröffentlicht, für ein Mädchen von 17 Jahren eine reife Leistung. Und reife Texte. Da bilden die von ihr eigenständig publizierten Kurzgeschichten zum Thema Essstörungen keine Ausnahme. Die Schwierigkeit liegt auf der Hand. Einerseits sollen Geschichten erzählt werden, andererseits Informationen zum Thema gegeben. Es handelt sich also, genauer betrachtet, um eine Mischung aus Belletristik und Sachtext. Das ist immer eine Gratwanderung, aber so wie es der Autorin gelingt, nicht abzustürzen, das ist schon mehr als beachtlich. Ich bin gespannt, wie andere das sehen …

  2. Der Text fasziniert durch seine Sachlichkeit und Klarheit. Keine Gefühlsduselei. Keine Befindlichkeiten. Das Leben in dieser Situation als harte Fakten, aus einer beinahe sterilen Sicht des Erzählers. Beeindruckend.

  3. Elsa Rieger

    Respekt, hochbegabte Schreiberin, ich bin wirklich begeistert von dem Stil!

  4. Stilistisch ohne Frage sehr gut. Mich stört aber der Zeigefinger, der in dieser Leseprobe immer gut erkennbar ist. Die meisten (Interessierten) wissen all das. Auch die meisten Betroffenen kennen diese „Theorien“ (denen sie nur nicht glauben, nicht glauben wollen). Interessanter ist der Weg hin zu diesem Moment hier. Nicht, dass der nun folgende Kampf nicht auch erzählenswert wäre … Ich vermute, in dem Roman „stimmt“ die Mischung dann wieder.
    Bei „Sieben Geschichten zeigen die Schatten von Essstörungen“ aus dem Klappentext dachte ich: Ja gibt es denn auch Licht bei dem Thema??
    Kleine Anmerkung zum Cover: Es wirkt auf mich sehr unprofessionell, es passt nicht mal ansatzweise zur Klasse des Erzählstils. Schade.

  5. Ja, ein wirklich herausragender Text, gemessen am Niveau üblicher SP-Kost. Und ja, sein einzig wesentlicher Schwachpunkt ist die Unentschiedenheit zwischen fesselndem, spannendem Bericht einer (fiktiven?) Betroffenen auf der einen und sachkundigem(?), trockenem Ratgeber-Engagement auf der anderen Seite. Die Ideallösung würde eine »lese-harmonische« Verquickung von beidem sein.

    Ein Extra-Lob, finde ich, verdient auf jeden Fall die Wahl des Präsens als Erzählzeit.

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