Drei Tipps, die dein Manuskript wie in Zeitlupe unfassbar schlagartig besser machen

Wenn ich nicht schreibe, lektoriere ich. Einen fremden Text kritisch zu begutachten, erfordert das Eintauchen in eine andere Denk- und Sichtweise, die Auseinandersetzung mit einem Stil, der nicht der meine ist und es auch niemals werden soll. Jeder Text ist eine Welt für sich, eine Ableitung des Autors, er selbst steckt darin, wie auch immer, offen oder versteckt, in seiner Hauptfigur oder auf mehrere Personen verteilt. Jeder Text ist also ein Unikat. Leider sind es die Fehler, denen man beim Lektorieren begegnet, nicht. Es gibt eine Art kollektiver Fehler, kaum ein Text, in dem sie sich nicht finden. Das Perfide an ihnen: Man erkennt sie nicht sofort als Fehler. Nichts wird falsch geschrieben, keine Syntax knarzt, kein schiefes Bild stört den Lesefluss. Es handelt sich viel mehr um logische Fehler, um stilistische Instabilitäten, die in Fleisch und Blut übergegangen sind und von denen viele längst als »so schreibt man halt« eine Art Legitimation erfahren haben. Hier drei der häufigsten Beispiele.

1. Possessivpronomen. »Ich nahm mein Handy von meinem Schreibtisch, setzte mich auf mein Bett. Andy schaute über seine Schulter und zog seine Nase demonstrativ hoch.« Was fällt daran auf? Ganz klar, hier wird viel zu oft darauf verwiesen, was alles »mein« und »sein« ist. Dieses Beispiel mag überzogen sein, aber nur ein wenig. Die Herrschaft des Possessivpronomens ist ungebrochen, dabei könnte man in den meisten Fällen darauf verzichten. »Ich nahm mein Handy vom Schreibtisch, setzt mich aufs Bett.« Das erste »mein« kann notwendig sein, denn offensichtlich befindet sich mit Andy eine zweite Person im Raum, es könnte sich also auch um sein Handy handeln. »Andy schaute über seine Schulter« ist ein Grenzfall. Er könnte theoretisch auch über »meine« Schulter schauen, obwohl das von der Satzkonstruktion her unwahrscheinlich ist, es müsste dann nämlich »Andy schaute mir über die Schulter« heißen. Dass er allerdings »seine« Nase hochzieht – nun ja. Ich würde ihm nicht raten, es mit meiner zu tun. Man sieht: Etwas Reflexion genügt, um diese völlig überflüssigen Possessivpronomen zu tilgen. Der Stil dankt es, die Redundanz zieht trotzig die Nase hoch und Leine.

2. Eingebürgerte Begriffe / Redewendungen. Das ist ein Punkt, über den ich mich mit meinen Klienten immer wieder streite. Es handelt sich um Sätze wie »Ihm wurde schlagartig bewusst, dass er unrecht hatte« oder »Er lief seit gefühlten drei Stunden vor dem Haus auf und ab« oder »Er sah wie in Zeitlupe den Wagen auf sich zukommen.« Völlig korrekte Sätze? Ja. Und nein. Betrachtet man sie nämlich genauer, verbirgt sich hinter diesen sehr wohl akzeptierten Formulierungen etwas Unlogisches und / oder aus einem anderen Bereich Übernommenes, das seine eigentliche Bedeutung verloren hat. Bei dem Begriff »wie in Zeitlupe« etwa. Was sagt er aus? Etwas geschieht verlangsamt. Schön. Woher stammt der Begriff? Aus den 60er Jahren, als man bei Fußballübertragungen erstmals die Gelegenheit hatte, eine Filmsequenz in eine höhere Zahl von Einzelbildern zu zerlegen, um den Eindruck einer verlangsamten Bewegung zu vermitteln. In der Wirklichkeit gab und gibt es dieses »wie in Zeitlupe« nicht. Mag sein, dass man sich »wie in Zeitlupe« erinnert, aber ganz bestimmt fehlt dieser technische Vorgang in dem Moment, in dem etwas geschieht. Etwas anders verhält es sich bei diesen »gefühlten drei Stunden«. Ich lese schon sehr, sehr lange, aber vor wenigen Jahren kannte man allerdings die Formulierung der »gefühlten Ewigkeit«. Doch dann kam der Wetterbericht … Plötzlich war es draußen nicht mehr nur »drei Grad kalt, bei böigem Wind«, sondern der böige Wind machte aus den realen drei Grad »gefühlte zehn«. Und schwupps … schon begannen alle Autoren zu fühlen. Nein, falsch ist das nicht. Aber wohl doch nur eine vorübergehende Mode. Früher schrieb man in solchen Fällen »Die zwanzig Minuten kamen ihm wie drei Stunden vor«, heute »fühlt« man es. Meistens ist jedoch dieses »fühlt« nichts weiter als ein Knacks in der Stilistik. »Er ging auf und ab, seine Beine schmerzten, Kälte kroch von den Füßen aufwärts. Seit gefühlten drei Stunden beobachtete er das Haus.« Also ehrlich: Mich stört das Eindringen dieses modischen Begriffs, es belästigt mein Sprachempfinden. Und das sage ich dann auch. Ob es den Kunden stört, ist seine Sache.
Zu »schlagartig« und anderen verwandten Begriffen habe ich früher schon einmal ausführlich geschrieben, bitte lesen Sie es bei Interesse hier nach. Generell: Die Verwendung von »artig« kann richtig und falsch sein. Wenn etwas »von großer Art« ist (wie es die Altvorderen zu formulieren pflegten), dann darf es für uns Heutige gerne »großartig« sein. Dasselbe gilt für »eigenartig«, »neuartig« und so weiter. Was aber, um Himmelswillen, ist »die Art eines Schlages«? Tut es weh wie ein Schlag? Wirft es einen um wie ein Schlag? Nein. »Schlagartig« steht für »plötzlich, unvermittelt, übergangslos«. Aber genau das ist kein unverzichtbares Charakteristikum von Schlägen. Sie KÖNNEN unvermittelt auf mich herniedergehen, ein Boxer wird sich bemühen, »ansatzlos« zu schlagen. Aber ebenso gut kann ein Schlag angekündigt werden, langsam erfolgen … Ja, ja: Der Ausdruck hat sich eingebürgert und ich kann mit ihm leben. Aber ich tue es ungern …

3. Superlative: Ihnen begegne ich in letzter Zeit unglaublich häufig. Sie sind unwahrscheinlich beliebt und werden in unfassbar vielen Klappentext benutzt. Was? Genau. Unglaublich, unwahrscheinlich, unfassbar … Wörter, die einen eh schon klar formulierten Umstand noch unterstreichen sollen, manchmal gar einen Superlativ noch steigern. Ich erinnere mich mit Schrecken an »das unwahrscheinlich beste Essen« und fasse es wirklich nicht, dass etwas »unfassbar unmöglich« sein kann. Aber kann es. In schlechten Texten jedenfalls. Dabei sind diese Wörter nicht nur meistens unfassbar überflüssig, sie können auch eine Atmosphäre durch ihre bloße Anwesenheit zerstören. »Nachdem Mary einer unfassbar schlimmen Katastrophe entronnen war …«, so las ich es neulich und dachte für mich: Hätte es nicht genügt, sie einer Katastrophe entrinnen zu lassen? Katastrophen sind irgendwie immer schlimm, aber wenn sie auch noch unfassbar schlimm sind, wird es tatsächlich unfassbar schlimm. Da freut sich der Rotstift des Lektors …

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5 Kommentare

  1. Zeugsschreiber

    Danke! Habe gerade „eine gefühlte Ewigkeit“ aus meinem Text gestrichen.

  2. Stimmt, ein Schlag kann angekündigt werden oder absehbar sein, aber er selbst ist immer schnell und unvermittelt – es ist genau ein Moment (außer man betrachtet einen Schlag mit erheblicher Zeitlupe, da gibt es sicher Phasen wie „erste Berührung der Oberfläche, weitere Bewegung des Schlagkörpers bei gleichzeitigem Abbremsen und beginnender Verformung, Stillstand des Schlagkörpers etc. ). Es stimmt zwar, dass man bei der menschlichen Bewegung zum „Schlag“ das Ausholen und die Bewegung der Hand oder Faust zum zu Schlagenden hin mit einrechnet, aber wenn z. B. mit einem Schlag Applaus oder ein Gewitter losbricht, dann umfasst das eben nicht das vorherige Auseinanderbewegen der Hände oder das vorherige Entstehen der Ladungsunterschiede in der Atmosphäre, sondern meint haargenau den Moment, in dem „jetzt auf gleich“ die Sache losbricht.
    Zugleich steht das Wort Schlag für eine nennenswerte Intensität – ein Eisenkugel, die man kurz über dem Boden aus der Hand rollen lässt, schlägt eher nicht ein oder auf; dieselbe Kugel tut es allerdings, wenn sie vom Tisch fällt.

    Dass ich auf „schlagartig“ (oder noch strärker auf „plötzlich“) ebenfalls fast schon allergisch reagiere, hängt mit einer ganz anderen Sache zusammen: Oft verfassen die betreffenden Autoren sehr fließende, mancham fast behäbige Texte und glauben, die pure Verwendung des Wortes „plötzlich“ (oder „schlagartig“) wurde das entsprechende Geschehen als „plötzlich“ (oder „schlagartig“) spürbar machen.

    • … sorry für die Tippfehler vor allem im letzten Absatz …

  3. Sabine Hennig-Vogel

    Nicht wirklich neu, aber ich stelle fest, dass in diesem Fall Wiederholungen gut sind, es bleibt nämlich mehr hängen, man wird sensibilisiert – für die Arbeit an eigenen Texten.
    Ich kenne ähnliche Probleme aus meiner Arbeit als Übersetzer, ja auch den übermäßigen Gebrauch von Possessivpronomen. Noch schlimmer sind für mich Partizipialkonstruktionen: Im Russischein ein Wort – im Deutschen ein Satz. Ergibt dann leicht ellenlange Sätze…

  4. Gerda Greschke-Begemann

    Ich gehe mal davon aus, dass die Beispiele keine Formulierungen aus existenten Manuskripten sind. Das wäre dann wirklich „unfassbar“. Trotzdem gut, sich durch solche Formulierungs-Scheußlichkeiten immer wieder mal sensibilisieren zu lassen.

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