Sabine Hennig-Vogel: Jahrring

jahrringKommissar Kleiber wird an den Bergwitzsee gerufen. Auf einem Rastplatz ist eine Frau durch Allergieschock ums Leben gekommen. Kleiber trifft auf eine Gruppe ehemaliger DDR-Auslandsstudenten, die vor mehr als 25 Jahren gemeinsam in der UdSSR studiert haben, und ein Wiedersehens-Picknick feiern wollten. Da alle von der Erdnussallergie des Opfers wussten, vermutet Kleiber, dass mit Absicht Erdnüsse unter die selbst gemachten Speisen gemischt wurden. Bei der ersten Vor-Ort-Befragung erfährt er, dass eine Anwesende, Beate Wolf, über geöffnete Briefe und einen Stasi-Spitzel in der Gruppe reden wollte.

Leseprobe

Michael erwiderte: „Du willst sagen, wir hatten Stasi-Leute unter uns?“

„Genau das“, erwiderte Thorsten. „Der KGB hatte uns nicht auf dem Kieker, aber mindestens ein IM muss in unserer Gruppe gewesen sein.“

„Aber wer?“ Thoralf sah fragend in die Runde.

„Moment!“ Thorsten ging an den Tresen, sprach kurz mit der Barfrau und kehrte dann an den Tisch zurück. In der Hand hielt er einen leeren Sektkübel, einen Kellnerblock und mehrere Stifte. Er verteilte Zettel und Stifte unter den Anwesenden.

„Was hast du vor?“ fragte Almuth.

„Einer von uns war es.“ Jeder erhielt ein Blatt und einen Stift. „Schreibt auf, wen ihr für den IM haltet, jeder für sich.“
Almuth prustete laut.

Michael tippte sich mit dem Finger an die Stirn: „Spinnst du? Was soll das werden?“
Thoralf nickte zustimmend.

„Ich glaube einfach, dass dieses Thema auch mehr als zwanzig Jahre nach der Wende immer noch aktuell ist. Spätestens seit heute Nachmittag habt Ihr alle einen Verdacht. Da bin ich mir sicher.“

Thorsten sah zu Beate. „Bea ist zwar die einzige, die es genau wissen wollte und einen Antrag gestellt hat, aber wenn Ihr ehrlich seid, habt Ihr auch schon mal darüber nachgedacht.“

„Nachgedacht schon, aber auch wieder weggeschoben.“ Thoralf zuckte mit den Schultern. „Mir ist nie was aufgefallen und mir hat auch niemand geschadet! Euch etwa?“

„Darum geht es doch nicht. Selbst wenn niemandem geschadet wurde, bleibt es trotzdem eine Sauerei. Ich möchte jedenfalls nicht, dass jemand meine Post öffnet und liest, weder heute noch damals.“ Thorsten sah in die Runde.

Alle nickten.

„Das nächste Mal, das verspreche ich Euch, treffen wir uns bei mir, in Leipzig! Und dann gehen wir in die Runde Ecke.“

Almuth blickte hoch: „Runde Ecke, was ist das? Eine Kneipe?“

„Nein, meine Gute. Früher die Bezirkszentrale der Stasi, heute ein Museum.“

„Und warum sollen wir da hin gehen?“ Sie ließ nicht locker.

Thorsten presste die Handflächen aneinander und schaute nach oben: „Almuth, ich will dich wachrütteln und alle anderen auch, die da immer noch so tun, als wäre die Stasi irgendein harmloser Verein gewesen. Massenhaft wurden die Bürger überwacht. Die Ausstellung wird dir die Augen öffnen. Auch zu unserem Thema. Die hatten sogar gefälschte Poststempel, Massen von konfiszierten Briefen sind zu sehen. Und wenn das in der DDR an der Tagesordnung war, warum dann nicht auch bei unserem Auslandsstudium?“

„Vielleicht hast du ja recht!“, lenkte Almuth ein.

„Ich jedenfalls glaube, dass Bea sich die Geschichte nicht ausgedacht hat. Denkt nach!“

Michael verdrehte die Augen, doch Thorstens durchdringender Blick duldete keinen Widerspruch.

Die Autorin:

Sabine Hennig-Vogel wurde 1962 in Roßlau (Elbe) geboren und verbrachte dort eine glückliche, unbeschwerte Kindheit. Nach dem Abitur studierte sie Geschichte in Krasnodar/Russland. Die erworbene Qualifikation taugte im wiedervereinigten Deutschland nur bedingt zum Broterwerb und so arbeitete sie in verschiedenen Jobs – unter anderem als Sekretärin, Kursorganisatorin, Museumsmitarbeiterin, Projektleiterin, Arbeitsvermittlerin und in der Erwachsenenbildung.
Bücher haben sie von klein auf fasziniert, zunächst nur als Leserin. Erste eigene Schreibversuche erfolgten noch während ihres Studiums, seit einigen Jahren schreibt sie wieder häufiger, darunter sind Kurzgeschichten, Gedichte, aber auch größere Projekte. Sie ist seit 2006 Mitglied im Literaturclub „federweise“ der Lutherstadt Wittenberg. Zeitgeschichtliche Themen liegen ihr besonderes am Herzen.
Einige Kurzgeschichten und Gedichte wurden bisher veröffentlicht. Für den Schrägverlag in Windach hat sie zahlreiche Kurztexte verfasst, die 2017 in einem etwas anderen Lesebuch zum Thema „Kochen und Essen“ erscheinen werden. Herausgeber ist Oliver Jung-Kostick.
2016 erreichte Hennig-Vogel die Finalrunde beim 4. Meerbuscher Literaturpreis.Sie ist verheiratet, hat einen erwachsenen Sohn und lebt in der Lutherstadt Wittenberg.
„Jahrring“ ist der erste größere Text der Autorin. Während ihres Auslandsstudiums wurde auch Hennig-Vogel von der Stasi beobachtet, das war Anlass, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Genre: Krimi

Umfang: ca. 160 Seiten

Status: noch unveröffentlicht, kein Cover

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  • Veröffentlicht in: Krimi

13 Kommentare

  1. Dieter Paul Rudolph

    Dieser Text ist in doppelter Hinsicht ein „Klassiker“, nicht nur im Krimigenre. Im Rahmen eines Gesprächs soll die Handlung vorangetrieben werden, gleichzeitig müssen die Leser mit Informationen versorgt werden. Fünf Personen unterhalten sich, was uns gleich zum ersten Klassiker führt, der Verwirrung. Wer redet da gerade? Wie mache ich das kenntlich? Die Autorin löst es gekonnt, bis auf eine Stelle, bei der ich gezwungen war, mir die Passage noch einmal durchzulesen, um dann zu erkennen, dass Thorsten seine Rede weiterführt. Der Grund für meine Irritation war schnell gefunden. Thorsten spricht – die Autorin macht einen Absatz und beschreibt die Reaktion („Alle nickten.“). Abermals Absatz, Thorsten spricht weiter. Würde man die Absätze entfernen, wäre der Bezug klarer.
    Gleich zu Beginn zücke ich den imaginären Rotstift. „Michael erwiderte … erwiderte Thorsten.“ Nicht nur die Wortwiederholung ist etwas unelegant – es ist schlicht falsch. Thorsten erwidert nichts, er bestätigt das, was Michael gesagt hat. Die allgemeine Frage: Muss man hier überhaupt betonen, dass Michael etwas „erwidert“ oder „bestätigt“? Vielleicht wäre es besser, ihn nicken zu lassen.
    Ansonsten wird die Sache mit dem Gespräch gut gelöst und auch die Idee, jeder der Anwesenden solle seinen Verdacht auf einen Zettel schreiben, ist originell.
    Der zweite „Klassiker“ folgt gegen Ende, als es um die Stasi geht. Es sollen Informationen an den Leser weitergegeben werden, hier zu einer Stasiausstellung und zur Stasi generell. Die Gefahr in solchen Situationen hat einen Namen: Infodump. Das dozierende Ausschütten von Informationen, die ob ihrer schieren Menge zu „Datenmüll“ werden. Die Autorin dosiert diese Menge vorsichtig und findet sehr schnell die Überleitung von der Information selbst zur eigentlichen Geschichte wieder. Sprachlich ist es vielleicht eine Spur zu dozierend („Massenhaft wurden die Bürger überwacht. Die Ausstellung wird dir die Augen öffnen. Auch zu unserem Thema. Die hatten sogar gefälschte Poststempel, Massen von konfiszierten Briefen sind zu sehen.“), man könnte das vielleicht etwas umgangssprachlicher lösen („Ihr wisst ja, dass man die Leute massenhaft überwacht hat, gefälschte Poststempel, sie haben Briefe konfisziert. Das Ausmaß wird euch dennoch umhauen.“ … so in der Art vielleicht).
    Aber das sind Kleinigkeiten, die nicht sonderlich ins Gewicht fallen. Ganz am Ende bin ich bei Thorstens „durchdringendem Blick“ etwas zusammengezuckt. Ist es nicht eher ein „bestimmter Blick“ oder ein überzeugter?
    Auf jeden Fall bin ich auf den fertigen Krimi gespannt. Über das Wichtigste kann man an dieser Stelle ja noch nichts sagen. Wie gelingt es der Autorin, den Spannungsbogen dramaturgisch zu entwickeln?

    • Sabine Hennig-Vogel

      Vielen Dank für deine Anmerkungen. Ja, sie sind gerechtfertigt und ich werde sie berücksichtigen.

  2. Dieter hat zum Aufbau bereits das Wichtigste gesagt.
    Ich habe ein Problem mit dem Konflikt. Der liegt darin, dass unter der Gruppe ein Stasi-Spitzel war. Und jetzt will Thorsten (und Bea) wissen, wer es war. Die anderen behaupten, es habe keinen gegeben.
    Mein Problem damit: Natürlich gab es übeall Stasi-Spitzel. Insofern wäre es für mich sehr viel überraschender, wenn es in der Gruppe keinen gegeben hätte. Dass einer in der näheren Umgebung ein IM war, davon gingen die meisten aus. Und spätestens seit 1990 wussten alle, dass es sogar der eigene Ehemann sein konnte.
    Deshalb tue ich mich schwer mit der Diskussion. Warum glauben gleich mehrere aus der Gruppe, dass es keinen in ihrer Gruppe gab? Wo sie sogar Auslandsstudenten waren, also Leute, für die sich die Stasi ganz besonders interessierte?
    Kommt dazu, dass man heute Anträge auf Einsicht stellen kann. Bea und Thorsten hätten sich also erst mal erkundigt, was es in den Stasi Unterlagen über sie gibt und wer gespitzelt hat. Nicht alle Unterlagen sind erhalten geblieben, möglicherweise bringt also so eine Nachforschung nichts. Aber sie wäre die erste Maßnahme, die man macht, wenn man einen Stasi-Spitzel in der Gruppe vermutet.
    Von daher würde ich den Konflikt etwas anders aufbauen. Was hat Bea bei der Stasi-Behörde erfahren? Dass alles aus dem Bereich von damals leider geschreddert wurde?
    Und warum interessiert sie sich erst jetzt dafür? Vermutlich gibt es irgendetwas, das sie erst jetzt erfahren hat und sie vermutet, dass ein IM dahinter steckte?
    Wurde sie unter einem Vorwand aus dem Auslandsstudium abgezogen?
    Wie gesagt, dass einige an einen IM glauben, andere nicht, wäre mir zuwenig.
    Vielleicht hat Bea vor dem Essen gesagt: Ich habe Unterlagen bekommen. Aber sie will sie erst nach dem Essen zeigen. Späte Rache von ihr, um den IM weichzukochen. Der soll dasitzen und schwitzen, weil er nicht weiß, ob die Unterlagen seinen Namen nennen?
    Und dann stirbt sie. Bevor sie ihr Wissen auspacken kann. Papiere findet man nicht. Hat der Mörder sie verschwinden lassen? Oder gab es gar keine?
    Das wäre eine Möglichkeit. Sicher gibt es auch andere. Aber für eine Eingangsszene würde ich mir mehr Konflikt wünschen.

  3. jedidapassion

    Ich hätte anzumerken, dass ich manchmal durcheinander komme, wenn Personen so ähnliche Namen haben wie Thoralf und Thorsten. Generell würde ich in Dialogen die persönliche Anrede klein schreiben, schließlich wird ja nicht der Leser angesprochen, sondern die Protagonisten untereinander kommunizieren. 🌞

    • Sabine Hennig-Vogel

      @jedidapassion.
      Das leuchtet mir ein. Da die „Vorbild-Personen“ ähnliche Namen tragen (Christof und Christian) habe ich das so übernommen, für mich war es kein Problem. Für den Leser offensichtlich schon, deshalb werde ich einen der Namen ändern. Danke für den Hinweis!

    • Da ich das mit der „Namensübernahme“ von den Vorbild-Figuren her kenne und mich auch immer nur schwer von den Namen trennen konnte, hier ein Tipp: Lesen ist sehr optisch – wenn bei einem der beiden nur ein T statt ein Th steht, ist schon viel gewonnen. (Torsten kenne ich z. B. vor allem ohne. Ohne h.) Wenn du weitergehen willst, tauschst du auch noch das o aus – gibt es sowas wie Tharalf? Künstlerische Freiheit vielleicht oder ein Versehen auf den Standesamt. Meine Schwerster sollte eigentlich auch Christina heißen, der Standesbeamte hat aber Kristina geschrieben – das hat sie nun davon. 🙂

      • Sabine Hennig-Vogel

        Ja, das ist eine Idee. Manchmal haben auch Kleinigkeiten einen großen Effekt. 🙂

  4. Sabine Hennig-Vogel

    Vielen Dank für deine berechtigten Fragen und Anmerkungen.
    Ich gehe davon aus, dass alle Auslandsstudenten eine „Akte“ hatten, jedoch wurde noch vor 1989 Material vernichtet, so dass Anträge auf Akteneinsicht zum Teil ergebnislos blieben. Der Verdrängungsprozess ist jedoch bei vielen (systemtreuen) Auslandsstudenten so groß, dass sie dieses Thema schlichtweg ausblenden, schließlich waren ihre Mitstudenten für fünf Jahre auch ihre „Familie“.
    Der Text ist ja nur ein kurzer Ausschnitt mitten aus dem Roman. Er ist nicht die Eingangsszene. Ich denke, dass ich Beas Motivation – auch durch Tagebucheinträge – für den Leser deutlich gemacht habe. In einem Vier-Augen-Gespräch zwischen Bea und Thorsten wird auch die Antragstellung beim BStU thematisiert.
    Deine Fragen sind sind für mich jedoch Anlass noch einmal zu prüfen, ob sie wirklich alle durch den Text beantwortet werden.

  5. Nein, nicht jeder ging automatisch davon aus, dass es einen Stasi-Spitzel in seiner Umgebung gab. Ich wüsste bis heute nicht, wer das gewesen sein sollte. Allerdings geht es um ehemalige Auslandsstudenten, denen dürften zumindest im Nachhinein der Gedanke an Überwachung/Kontrolle gekommen sein. (Insofern müsste Thorsten wohl sagen: „Und wenn das in der DDR an der Tagesordnung war, dann wohl erst recht bei unserem Auslandsstudium.“)

    Zu den Hinweisen im ersten Kommentar (von DPR): Bei „erwidern“ gehe ich mit; der durchdringende Blick gefällt mir besser als der bestimmende; ich hatte überhaupt keine Probleme mit der Sprecher-Zuordnung (außer einmal – da sprach Thorsten und dann kam ein Absatz, in dem wieder Thorsten Sprach); und dass Thorsten „doziert“ (schöne Begleitgeste dazu!), finde ich eine gute Charakterisierung (er hat sich damit schon kräftig beschäftigt und schon oft solche und ähnliche {Mini-}Vorträge gehalten).

    Die Leerzeilen sind hier wegen der besseren Lesbarkeit eingefügt, nehme ich an. Wenn nicht: In einem Print-Buch wirkt der Text so arg zerfleddert; bei E-Books kann man „Abstand unter dem Absatz“ definieren (denke ich).

    Tipp zur wörtlichen Rede: Oft ist der Doppelpunkt unpassend. Man kann zwar „Ach was!“ erwidert, aber zum Beispiel nicht „Runde Ecke?“ hochblicken.

    Aber das sind alles Kleinigkeiten, die in einem Lektorat/Korrektorat behoben werden können. Mir jedenfalls sagen Tonfall und Textqualität der Probe zu.

    • Sabine Hennig-Vogel

      Danke für deine Anmerkungen, Texte-jon. Noch ist nichts veröffentlicht auch Lektorat/Korrektorat stehen noch aus. Ich bin immer noch am „Schleifen“. Soll aber im nächsten Jahr das Licht der Buchwelt erblicken.

  6. Dass das nicht die Anfangsszene ist, ändert natürlich einiges. Aber da ich nicht weiß, was vorher war, kann ich so eine Szene aus der Mitte schlecht beurteilen. Generell wäre es besser, die Anfangsszene einzustellen. Aber das kannst du ja noch nachholen.

    Herzliche Grüße, Hans Peter

    • Sabine Hennig-Vogel

      Hallo, Hans Peter, die Eingangsszene kennst du übrigens, sie war in diesem Jahr in deinem „Spannungslektorat“ (ein Tagebucheintrag und die Auffindeszene am Tatort). Auch da haben mir deine Anmerkungen sehr geholfen.
      Längere Textabschnitte sind tatsächlich sinnvoller, aber da eine wirkungsvolle Grenze finden… Die Zeit wird sicher noch Änderungen auf der Seite bringen. Erstmal anfangen – ist wichtig.
      Herzliche Grüße, Sabine

      • Ja, anfangen ist wichtig. Einen schlechten Text kann man verbessern, ein leeres Blatt Papier nicht, hat Titus Müller sehr richtig dazu gesagt.

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