Hans Peter Röntgen: Kalte Wut

Kalte Wut ist ein Jugendroman über Raumschiffe, die Suche nach der verschwundenen Mutter und einen Raumingenieur, der zu seinem Erfinder spricht. Ist man verrückt, wenn man plötzlich die Stimme des ersten Ingenieurs eines Raumkreuzers mitten auf der Straße hört? Daniel ist sich nicht sicher. Er ist fünfzehn und es leid, ein Loser zu sein. Sein Vater, ein Alkoholiker, hat ihn ins Heim abgeschoben, als er immer gewalttätiger wurde. Einem anderen Schüler hatte er eine Zigarette auf der Backe ausgedrückt, bei einer Schlägerei ein Messer gezückt. Seine Mutter ist fort, seit bekannt wurde, dass sie in einer Stripteasebar in Karlsruhe gearbeitet hat und nicht in einem Immobilienbüro. Er erfindet Geschichten um Raumschlachten, Weltallreisen und sieht sich selbst als erfolgreicher Kapitän des Raumkreuzers „Golden Star“. Während seiner Gewaltexzesse hört er eine Stimme: Die von Xanger, dem ersten Ingenieur der „Golden Star“. Sie will ihm raten, doch er will das alles nicht hören. Wieder ein Erwachsener, der im interstellaren Sprücheladen gescheite Sätze einkauft, um sie an Jugendliche weiterzugeben.Daniel will seine Mutter suchen. Doch das ist nicht so leicht. Selbst wenn man Stimmen hört, die einem gute Ratschläge geben. Dann ganz besonders.

Leseprobe
Lange genug war ich der Idiot vom Dienst. Erst wurde bekannt, dass meine Mutter stundenweise im Chez Nicole arbeitete. Sie hatte allen erzählt, sie arbeite in einem Immobilienbüro und fahre deshalb während der Woche an drei Tagen nach Karlsruhe. Niemand grüßte sie mehr und die alte Görres spuckte einmal aus, als sie Mutter auf der Straße traf. Ich ging nur noch mit gesenktem Kopf umher. Als mein Freund Jürgen Mutter eine Hure nannte, schlug ich ihn zusammen. Daraufhin verboten die Eltern meiner Freunde ihnen, mit mir zu spielen.Dann verschwand Mutter einfach. Sie ging aus dem Haus, weil sie einkaufen wollte, betrat den A+C Markt am Strandbad, kam mit einer vollen Einkaufstasche wieder heraus und winkte ein Taxi heran, wie der Marktleiter später zu berichten wusste. Das war das Letzte, was jemand von ihr sah.
Einmal fuhr ich heimlich nach Karlsruhe und lungerte vor dem Chez Nicole herum. Der Türsteher wollte mich verscheuchen und sagte, Jugendliche hätten keinen Zutritt. Erst ging ich, dann kam ich zurück; er wurde böse, und ich fragte ihn nach Mutter. Er kam aus der Türnische auf den Bürgersteig; ich dachte, er werde mich schlagen und wollte weglaufen, aber er erwischte meinen Arm. “Bist du ihr Sohn?”, fragte er.
Ich nickte, während sich mein Hemd voll Schweiß saugte, denn er war doppelt so schwer wie ich. Er könne mir nicht helfen, erklärte er, die Vergangenheit solle man ruhen lassen. Wenn er wüsste, wo meine Mutter sei, würde er mir’s sagen, leider wisse er es nicht und ich müsse es wie ein Mann tragen.
Ich schluckte meine Tränen runter. Er drückte mir zwanzig Euro in die Hand und meinte, meine Mutter sei eine tolle Frau, das solle ich nie vergessen. Hier sei sie nicht mehr aufgetaucht und ich solle nie, nie mehr hier aufkreuzen, weil er keine Lust hätte, nach dem Vater auch noch den Sohn zu verprügeln. “Er würde immer noch herkommen, hätte ich ihn nicht verprügelt”, fügte er hinzu und ich begriff, dass Vater damals nicht auf der Straße gestürzt war.

Status: noch unveröffentlicht

 

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16 Kommentare

  1. Dieter Paul Rudolph

    Eigentlich gibt es hier nicht viel zu sagen – und es gäbe eine ganze Menge zu sagen. Roentgen erzählt die Geschichte auf einer Buchseite herunter, es wird nicht groß sinniert oder ausgeschmückt, die Sprache ist nüchtern, faktisch eben. Wenn man die Inhaltsangabe kennt, weiß man aber, dass hier wohl zwei Erzähler unter dem gleichen „Ich“ am Werk sein werden, der „Idiot vom Dienst“ in seiner adäquat idiotischen Welt, und der Junge, der Raumschiffe sieht und die Stimme eines fantastisch-fiktiven Ingenieurs im Ohr hat. Beides wird sich miteinander verknüpfen müssen, verzahnen, so viel ist klar. Und das wird nicht nur in puncto Handlung, sondern auch was die Erzähltechnik betrifft spannend. Ein kleiner Einwand: In der Szene mit dem Türsteher ist mir ein wenig zu viel indirekte Rede. Und den Satz „Ich nickte, während sich mein Hemd voll Schweiß saugte, denn er war doppelt so schwer wie ich.“ würde ich nochmal überarbeiten. Statt „er“ vielleicht „der Typ“ (wegen dem Bezug; sonst könnte jemand auf die Idee kommen, der Schweiß wäre doppelt so schwer). Aber ja, das wäre durchaus ein Roman, den ich allein wegen seines Handlungsansatzes und der kurzen Leseprobe nicht ignorieren würde …

    • Danke Dieter, für deine ausführliche Rückmeldung. Das mit der indirekten Rede wurde ja auch schon von Jedida angemerkt.
      Und dass du den Roman nicht ignorieren würdest, macht mich natürlich stolz ;-).
      Herzliche Grüße, Hans Peter

  2. jedidapassion

    Ich gebe einfach mal wieder, was mir so beim Lesen durch den Kopf ging. 😉 Und zwar, ohne vorherige Kommentare zu lesen, um mich nicht beeinflussen zu lassen.
    Mit »Backe« assoziiere ich persönlich die Hinterbacke, die meinst du sicher nicht.
    Deine Zusammenfassung oben ist sicher nicht der Klappentext, oder? In Form eines solchen würde ich mich überfrachtet fühlen.
    Er könne mir nicht helfen, erklärte er … Hier kannst du gern wieder in die Erzählform mit Anführungszeichen wechseln.
    Nett fände ich, zu erfahren, warum die Mutter nach Meinung des Türstehers so eine tolle Frau sei. Für mich wirkt ihr Verhalten, ihren Sohn einfach hinter sich zu lassen, alles andere als toll.
    Warum muss der Türsteher alle verprügeln, die nach der Mutter fragen? Ist das dort so üblich? Oder war der Vater beleidigend geworden? Wenn er nur Antworten wollte oder sehen, wo seine Frau gearbeitet hat, dann finde ich das Verprügeln schon überzogen.
    Ansonsten macht deine Zusammenfassung schon Lust auf mehr. 😉

    • Danke Jedida, ja die Backe ist nicht die Hinterbacke, muss ändern. Warum der Türsteher verprügelt, das kommt später raus, der Papa ist mittlerweile ein ziemlicher Alkoholiker und wer sich mit Gewalt Zutritt zu einem solchen Etablissement verschaffen will, kriegt Ärger ;-). Das mit der indirekten Rede hat ja auch schon Dieter angemerkt, da muss ich also was tun. Jedenfalls herzlichen Dank für deine detaillierte Rückmeldung.

      • Ah ja, das ergibt Sinn. Gerne. 😉 Liebe Grüße, Jedida´

  3. An der Leseprobe stört mich extrem, dass sie sich klanglich überhaupt nicht von der Buch-Kurzvorstellung unterscheidet. Zum einem ist da sehr viel Hintergrund zusammengerafft, statt dass eine Handlung erzählt wird; zum anderen wirkt der Erzählstil derartig berichtsartig, distanziert und „wohlformuliert“, wie ich es bestenfalls von einem gebildeten Erwachsenen erwarten würde, der in seine Kindheit zurück blickt, zu der er – eines Traumas wegen – jeglichen, wirklich jeglichen emotionalen Kontakt vermeidet. Nun kann man das so erzählen (*) –  wenn es dieses Trauma tatsächlich gibt. Aber weder die Buch-Kurzvorstellung weist darauf hin – eine schwere Kindheit ist noch lange kein Trauma –, noch passen etliche der Formulierungen zu dieser Sicht. Das beginnt schon mit dem ersten Satz, der nur für eine Erzählhaltung „mitten aus dem Geschehen heraus“ (die man durchaus auch in Rückblickform nutzen kann) Sinn ergibt. Auch die einzelnen farbigen Elementen (das mit dem Hemd oder die Verschleifung von „herunter“ zu „runter“) und die handlungsbetonte Passage mit demTürsteher passen so nicht zu diesem Ansatz.
    (* … wobei ich mich bei diesem spürbaren Desinteresse am Geschehen schon frage, warum dieser Mensch das zu erzählen überhaupt anhebt.)

    • Danke Jon, für deine Rückmeldung. Das mit dem indirekten Erzählen haben ja auch andere moniert, da muss ich was tun. Die distanzierte Erzählweise möchte ich aber beibehalten, wobei ich nicht weiß, wieweit ein solcher Text überhaupt seine Leser findet. Das ist ja der Grund, warum ich den Text eingestellt habe. Dass die Kurzvorstellung dem Text ähnelt, ist kein Wunder: Ich habe noch gar keinen Klappentext.
      Herzliche Grüße und nochmal Danke für deine Mühe
      Hans Peter

      • Ich kann mir durchaus eine Erzählhaltung des Ich-Erzählers vorstellen, in der er mit Abstand erzählt, so als hätte er eben mit all dem angeschlossen und das Erzählen nun sei quasi der letzte Schritt, es endgültig zu den Akten legen zu können. Die Kraft so eines Textes würde sich dann gewissermaßen aus dem reinen Inhalt des Erzählten ergeben, nicht aus der emotionalen Beteiligung des Erzählers, die ja nicht mehr stattfindet. Das müssest du aber auch durchhalten. Statt „lange genug“ – was auf einen Moment des „jetzt aber!“ abzielt – eher etwas wie:
        Ich war der Idiot vom Dienst. Das hatte hatte schon angefangen, bevor herauskam, dass meine Mutter stundenweise im Chez Nicole arbeitete. Sie hatte allen erzählt, sie arbeite in einem Immobilienbüro und fahre deshalb während der Woche an drei Tagen nach Karlsruhe. Das flog irgendwann auf, denn natürlich kamen die Kunden des Chez Nicole nicht nur von außerhalb. Irgendein Kerl hatte wahrscheinlich den Mund nicht halten können; vielleicht hatte auch eine sorgende Ehefrau, die ihren Gatten beim Betreten des Lokales beobachtete, meine Mutter ebenfalls hineingehen sehen. Wie auch immer: Seit diesem Tag wurde Mutter gemieden. Niemand grüte sie mehr, die alte …

      • Hallo Jon, danke für deine Umformulierung. Aber ich glaube, da haben wir ein Problem. Denn dein Vorschlag spricht mich nicht an, da haben wir wohl sehr unterschiedliche Geschmäcker.
        Herzliche Grüße, Hans Peter

      • Eigentlich ist es stilistisch nicht sooo anders, nur sortierter, fließender, in sich konsistenter im Ablauf. Darauf wollte ich hinaus: Es fließender machen …

  4. Die Idee gefällt mir gut. Was ich bei der Umsetzung aber vermisse, ist eine Sprache, die zu einem Fünzehnjährigen passt. Oder wird die Geschichte von einem Erwachsenen erzählt?
    „Idiot vom Dienst“ – Vielleicht eher „der letzte Loser“. So steht es ja auch im Klappentext.
    „Freund Jürgen“ – Heißen Fünfzehnjährige heute so? Nicht eher Justin, Ben-Silas oder Malte-Kevin?
    „(…) durften nicht mehr mit mir spielen“ – In dem Alter eher „durften nicht mehr mit mir abhängen“.
    Mir fehlt auch ein Einschnitt, als herauskommt, dass die Mutter eine Prostituierte ist, im Text wäre es zwischen Satz drei und Satz vier. Es wird zwar vorher genannt, aber irgendwie verpufft das. Vielleicht zwischen Satz drei und vier: Aber dann platzte die Bombe…
    „Ging mit gesenktem Kopf umher“ – Das klingt auch sehr erwachsen.
    „Ich fuhr heimlich nach Karlsruhe“ – Nach Karlsruhe fahren ist ja nichts Schlimmes, deshalb muss man das nicht heimlich machen. Vor dem Chez Nicole lungern sollte man eher heimlich.
    „Ich fragte nach Mutter… Bist du ihr Sohn“ – Tautologie. Wenn er nach seiner Mutter fragt, ist ja wohl klar, dass er der Sohn ist. Vielleicht eher den Namen nennen?
    „Während sich mein Hemd voll Schweiß saugte, denn er war doppelt so schwer“ – Das las sich für mich, als würde der Türsteher, weil sehr kräftig, extrem schwitzen und dessen Schweiß würde in die Kleidung des Jungen dringen. „Angstschweiß“ würde es klarer machen.
    „Zwanzig Euro“ – Warum gibt der Türsteher ihm zwanzig Euro? Das fand ich seltsam.
    Ja und bitte wörtliche Rede, gerade in so einer Schlüsselszene.

    Insgesamt finde ich die Idee spannend und auch interessant. Aber wenn es ein Fünfzehnjähriger erzählt, muss es auch so klingen. Schnodderig, frech, gewollt pampig. Dass der Erzähler seine wahren Gefühle hinter der distanzierten Erzählhaltung versteckt, trägt ja eher zur Spannung bei.

    • Danke Liv, für deine Anmerkungen, da hast du mir wirklich viele nützliche Tipps geben. Werde ich einbauen. Nach Karlsruhe sollte man aber doch lieber heimlich fahren, wenn der Daddy nicht wissen soll, dass man ins Chez Nicole will ;-).

      Herzliche Grüße, Hans Peter

      • Bitteschön, gern geschehen. 🙂 Ah, okay, wobei man in Karlsruhe ja auch einfach bummeln könnte. Ich habe auch über das Chez Nicole nachgedacht, also über den Namen. Er klingt ein bisschen harmlos und könnte eindeutiger sein. Vielleicht irgendetwas mit „Topless“ oder „Nude Sensations“. Im Film „From Dusk Till Dawn“ heißt so eine Spelunke „Tittie Twister“. Nur mal so als Anregung.
        Herzliche Grüße zurück
        Liv

      • „Topless“ oder „Nude XXx“ ginge natürlich auch. Aber ich wollte ein etwas gepflegteres Etablissement. Also eins, das sich „seriös“ gibt – das kann man von dem in „From Dusk till Dawn“ ja nicht gerade behaupten ;-).

  5. Der Text spricht mich auf der einen Seite an, auf der anderen bin ich, wahrscheinlich durch die Kürze bedingt, nicht sicher, ob die bei mir aufkommende Verwirrung gewollt ist oder nicht.

    „Lange genug war ich der Idiot vom Dienst.“
    Das wird hier nicht aufgelöst. Nur, dass der Protagonist anfängt, sich zu bewegen.

    „Als mein Freund Jürgen Mutter eine Hure nannte, schlug ich ihn zusammen. Daraufhin verboten die Eltern meiner Freunde ihnen, mit mir zu spielen.“
    Das ist ein sehr distanziertes oder krankes Verhältnis, dass der Protagonist zu seinen „Freunden“ hat. So wie es beschrieben wird, denke ich da an Gleichaltrige, die gelegentlich mit ihm geredet haben. Wenn er das schon als Freundschaft bezeichnet, dann lebt er in einer ziemlich schrägen Welt. Würde auch zum beschriebenen Umfeld (Familie) passen.

    Mir gefällt die Sprunghaftigkeit der Gedanken, obwohl der Erzählfluss gleichzeitig konstant ist.

    Interessanterweise ist in dem Textabschnitt so viel Information drin, dass man von Infodump sprechen könnte. Dennoch ist es für mich keineswegs langweilig. Mit Sicherheit Geschmackssache. Viele Leser wollen heute ja kurze Schnitte haben.

    Die Zusammenfassung finde ich teilweise zu detailliert.

    Beispiel: „Einem anderen Schüler hatte er eine Zigarette auf der Backe ausgedrückt, bei einer Schlägerei ein Messer gezückt.“ Das bringt mich dem Textabschnitt und dem Prota nicht näher, da hier ein beliebiges anderes Detail stehen könnte, das zum Prota passt.

    Alles in Allem interessant, aber ganz bestimmt nicht für Jedermann.

    • Danke Ryek für deine Rückmeldung. Ja, der Erzöhler lebt am Anfang schon in einer ziemlich schrägen Welt. Sowohl was seine Vorstellungen angeht, wie auch in der Realität. Mit dem Infodump habe ich auch gekämpft. Wie interessant ist diese Zusammenfassung, liest man das trotz der vielen Details? Deshalb habe ich es auch eingestellt.
      Herzliche Grüße, Hans Peter

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